Bundestrainer vor dem Aus?
„Wir machen das gut“: Was Flick nach der Blamage sagt – und welche Namen als Nachfolger gehandelt werden

10.09.2023 | Stand 10.09.2023, 16:30 Uhr |

Bundestrainer Hansi Flick steht nach der Pleite gegen Japan mehr denn je in der Kritik. −Foto: dpa

Das Zeitspiel der DFB-Bosse rettete Hansi Flick zumindest in den Sonntag. Nach der Bankrotterklärung gegen Japan, die in der Chancen- und Hilflosigkeit noch viel schlimmer war als die zumindest unglückliche WM-Niederlage, ging Sportdirektor Rudi Völler völlig verschwitzt und „schockiert“ zu den Journalisten - er wolle eine Nacht über diese Blamage von Wolfsburg schlafen, „wir müssen uns jetzt sammeln“. Präsident Bernd Neuendorf wollte auf SID-Anfrage gar nicht reden.

Und so verschwanden die wichtigsten Funktionsträger des Deutschen Fußball-Bundes mit der Erkenntnis in eine drückend schwüle Nacht, dass der Entlassungsdruck kaum noch steigerbar ist. In völliger Verkennung der Lage hatte Flick selbst nach dem 1:4 (1:2) im RTL-Interview erklärt: „Ich finde, wir machen das gut und ich bin der richtige Trainer.“ Das löste nur noch Kopfschütteln aus.


Hier lesen Sie: Bankrotterklärung statt Aufbruch: Flicks Stuhl wackelt nach 1:4-Blamage bedenklich




Flicks Umstellungen, der neue Kapitän Ilkay Gündogan, die Degradierung von Joshua Kimmich auf die rechte Abwehrseite - damit hatte der Bundestrainer ein Lebenszeichen senden wollen. Seht her, ich kämpfe, ich bin modern. Wir haben jetzt eine Spielphilosophie! Es ging absolut krachend schief. Monate hatte Flick Zeit, sich in seiner auch schon gruselig schwachen Experimentierphase (Sollte die nicht eigentlich beendet sein?) etwas auszudenken. Es entstand die Idee, den Innenverteidiger Nico Schlotterbeck mit seinen 1,91 m links in einen aussichtslosen Kampf gegen viel schnellere und wendigere Japaner zu schicken.

Schlotterbeck erlebt Albtraum

Der BVB-Profi, ohnehin in der Nationalmannschaft bisher unglücklich, erlebte bis zu seiner Auswechsel-Erlösung einen einstündigen Albtraum. Er war an zwei Gegentoren beteiligt und hätte Japan beinahe ein weiteres Tor aufgelegt. Wenn das Flicks letzter Versuch einer Wende war, ist er dramatisch gescheitert. „Man kann der Mannschaft nicht das Bemühen absprechen, das ist ja das Traurige. Das tut weh. Das war eine Blamage“, sagte Völler. „Wir dürfen uns aber jetzt nicht in die Hose machen. Wir sind immer noch Deutschland.“ Mit Flick sprach er noch in der Kabine: „Hansi war tief getroffen. Er tut mir ein bisschen leid.“

Am Sonntag öffentliches Training

Und weil beim DFB sowieso derzeit alles schiefgeht, was schiefgehen kann, muss der Bundestrainer, dessen Job am letzten Fetzen eines seidenen Fadens hängt, der unverständlicherweise in der Halbzeit nicht reagierte, am Sonntagvormittag ins Rampenlicht. Der Verband hat für 11.00 Uhr ein öffentliches Training angesetzt, es ist ausverkauft. Am Dienstag (21.00 Uhr/ARD) geht es in Dortmund gegen Frankreich, die stärkste Mannschaft Europas. Den Vize-Weltmeister.

Thomas Müller sagte der Fußball-Nation, was überfällig war. Deutschland gehöre eben nur noch in der Selbstwahrnehmung „zu den besten Zehn oder Fünfzehn der Welt“, vielleicht in der Theorie, „aber nicht in der Realität“. Komplett absurd wirkt inzwischen die Nach-WM-Beteuerung, der Weltmeister Argentinien sei eigentlich auch nicht besser.

Die Spieler hielten sich am späten Samstagabend in der Bewertung zurück. „Es bringt nichts, mit dem Finger auf den Trainer zu zeigen“, sagte Kimmich gequält, die Spieler seien gefordert. Marc-Andre ter Stegen stützte Flick: „Ich glaube fest an ihn.“ Damit dürfte er derzeit zu einer recht stark schrumpfenden Gruppe gehören.

Wer könnte Flick beerben?



In der Öffentlichkeit ist derweil längst eine Debatte um die Nachfolge entbrannt. Doch wer könnte neuer Bundestrainer werden? Anbei ein Überblick über mögliche und unwahrscheinliche Kandidaten:

JULIAN NAGELSMANN (36, noch beim FC Bayern unter Vertrag): Nagelsmann wurde im März bei Bayern München beurlaubt. Sein Vertrag läuft dort allerdings noch bis 2026. Der DFB müsste sich mit dem deutschen Rekordmeister einigen. Doch es ist fraglich, ob sich Nagelsmann jetzt schon für eine Nationalmannschaft entscheidet. „Ich glaube, dass er mit 36 Jahren noch nicht so weit ist, dass er lieber die tägliche Arbeit mit einer Mannschaft will und braucht“, sagte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus. Zuletzt wurde Nagelsmann mit Borussia Dortmund in Verbindung gebracht.

JÜRGEN KLOPP (56, FC Liverpool): Er wäre der Wunschtrainer der Fans und wohl auch der Verantwortlichen. „Er ist der Einzige, den ich sehe, der da noch mal was rausreißen kann“, sagte 2014er-Weltmeister Lukas Podolski. Doch es ist unrealistisch, dass Klopp beim FC Liverpool hinschmeißen wird. Sein Vertrag bei den Reds läuft noch bis 2026. Nach einer total verkorksten Saison im Vorjahr sind die Reds gut in die Premier League gestartet.

OLIVER GLASNER (49, vereinslos): Als Hansi Flick beim FC Bayern aufhörte, erfuhr Oliver Glasner das angeblich sehr früh. Am Vorabend des Duells beim VfL Wolfsburg soll der heutige Bundestrainer seinem Kollegen erzählt haben, dass er am nächsten Tag seinen Abschied verkünden wird. Der Österreicher Glasner gilt als exzellenter Fachmann, er gewann mit Eintracht Frankfurt die Europa League und war vorher mit Wolfsburg erfolgreich. Kuriosum: Wenn Deutschland im November in Wien gegen Österreich spielt, könnte Deutschland einen österreichischen Trainer haben und umgekehrt (Ralf Rangnick).

RUDI VÖLLER (63, DFB-Sportdirektor): Der Weltmeister von 1990 sprang schon nach der EM-Blamage 2000 ein und führte die DFB-Auswahl zwei Jahre später als Teamchef ins WM-Finale gegen Brasilien (0:2). Nach dem WM-Debakel im vergangenen Winter wurde der Fan-Liebling dann Hansi Flick als Sportdirektor zur Seite gestellt - ohne Erfolg. Bisher verteidigte Völler den Bundestrainer vehement. Doch nach der Blamage gegen Japan vermied er ein Treuebekenntnis.

STEFAN KUNTZ (60, Nationaltrainer Türkei): Der Europameister von 1996 steht angeblich als Nationaltrainer in der Türkei vor der Entlassung, das jüngste 1:1 gegen Armenien könnte für ihn ein schwaches Ergebnis zu viel gewesen sein. Kuntz ist ein Sympathieträger mit der verbandsinternen Kenntnis, die klassischerweise Stallgeruch genannt wird. Nicht nur durch seine 25 Länderspiele: Er führte die U21 als Trainer zu zwei EM-Titeln und bewies dabei ein herausragendes Händchen für die besten deutschen Talente. Er verantwortete 2021 auch das früh ausgeschiedene deutsche Olympiateam in Tokio.