„Was willst du denn mit denen?“
Kulttrainer Lorant schimpft zum 75. Geburtstag über 1860 – und will 100 Jahre alt werden

21.11.2023 | Stand 21.11.2023, 11:28 Uhr |

Viel Kritik an seinem Ex-Klub: Werner Lorant ist mit der Arbeit bei 1860 München überhaupt nicht zufrieden. − Foto: imagoimages

Seit 13 Jahren lebt Werner Lorant mit seiner Lebensgefährtin Gitti am Waginger See (Landkreis Traunstein). Täglich geht er mit seinem 13-jährigen Hund Jackson – einem Mischling, den er im Tierheim abgeholt hat – bis zu fünf Mal spazieren, oft komplett um den See.



Am Dienstag wird der ehemalige Kulttrainer des TSV 1860 München 75. Den runden Geburtstag feiert er mit Lebensgefährtin, zwei Schwestern und zwei Freunden auf der Fraueninsel. „Mein Hund hält mich jung, ich habe die Gene meiner Mutter, ich werde 100 Jahre“, sagt er im Gespräch mit der Heimatzeitung in Waging.

Herr Lorant, Sie wollen 100 Jahre werden?
Werner Lorant: Ja, warum nicht? Meine Mutter ist im vorletzten Jahr mit 102 gestorben, ich habe ihre Gene und mir geht es gut. Mein Hund weckt mich früh morgens mit einem Knurren, dann geht es schon das erste Mal hinaus – egal wie das Wetter ist, auch bei Schnee und Regen. Wenn ich mit ihm die große Runde gehe, heißt um den kompletten Waginger See, dann brauchen wir über drei Stunden. Aber das machen wir nur bei ganz schönem Wetter. Johnson ist ein spanischer Mischling, den habe ich in Estepona in Andalusien aus dem Tierheim geholt.

Wie wird der 75. Geburtstag gefeiert?
Lorant: Im engsten Kreis, wir fahren nach Prien, dann geht es mit dem Schiff auf die Fraueninsel. Meine Familie hat mich mit dem Chiemsee-Besuch und der kleinen Feier auf der Fraueninsel überrascht. Dort verbringen wir einen schönen Nachmittag. Hoffentlich passt auch das Wetter. Meine beiden Söhne haben sich für die nächsten Tage angesagt, sie sind ja beide berufstätig und weiter weg.

Sie reden heute mit leiser Stimme, früher waren sie viel lauter. Wie geht es Ihnen?
Lorant: Hallo, ich bin Rentner, da muss man nicht mehr so laut sein. Es ist wie früher, nur umgekehrt. Ich habe früher die Spieler getriezt, jetzt macht das mein Hund mit mir.

Werden Erinnerungen wach am 75. Geburtstag?
Lorant: Nein, interessiert mich nicht. Vergangenheit ist Vergangenheit, ich lebe immer im Hier und Jetzt. Das mache ich wie meine Mutter. Ich bin mit mir im Reinen. Ich habe hier am Waginger See hohe Lebensqualität, was mit der Gegend zusammenhängt. Ich war nie ein Stadtmensch, mir gefällt es auf dem Land. München brauche ich sowieso nicht.

Und die Sechziger?
Lorant: Was willst du denn mit denen. Die kriegen nichts mehr gebacken, da stimmt es hinten und vorne nicht. Wenn ich heute noch dort arbeiten würde, kämen die innerhalb von zwei Jahren wieder nach oben. Die trainieren heute alle viel zu lasch, die Spieler jammern schon, wenn sie mal 400 Meter laufen müssen. Die sind heute nach einer Stunde müde, wo gibt es denn sowas? Ich würde mehr trainieren – basta. Die Sechziger sind jetzt auch in so einer Spirale drin, da kommen sie nicht so schnell raus. Du brauchst einen guten Präsidenten und einen guten Trainer. Die sehe ich aber nicht.

Warum hat das mit Karl-Heinz Wildmoser als Präsident und Ihnen als Trainer fast zehn Jahre lang so gut funktioniert?
Lorant: Weil mein Präsident auf mich gehört hat. Ich habe ihm Spieler empfohlen, und er hat sie geholt. Nur zwei Beispiele: Jens Jeremies und Peter Pacult. Bei Jeremies hat er gesagt, was willst du mit dem aus Dresden, solche haben wir hier auch. Aber Jeremies ist bei uns groß rausgekommen, dann haben ihn die Bayern weggekauft. Und bei Pacult hat er gesagt, das sei ein Österreicher und die könnten nur Skifahren und nicht Fußballspielen. Pacult ist bei uns ein ganz Großer geworden.

Als Sie von Karl-Heinz Wildmoser nach neuneinhalb Jahren entlassen wurden, brachen Sie mit ihm jeden Kontakt ab. Ihr habt euch nie ausgesprochen, bedauern Sie das?
Lorant: Ich hatte keine Veranlassung, der Präsident hätte auf mich zukommen sollen. Ist er aber nicht. Wir haben uns nie ausgesprochen von Mann zu Mann. Er war auch ein wenig größenwahnsinnig, wollte die Bayern immer überholen. Ich habe ihn immer gebremst und gesagt, das gehe nicht von heute auf morgen.

Wie sind Sie eigentlich zu 1860 gekommen?
Lorant: Ich war bei Schweinfurt, hatte bei Fulda schon unterschrieben, dann haben die Sechziger ständig angerufen. Der TSV 1860 war damals schon was ganz Großes, auch wenn der Verein damals nur in der 3. Liga gespielt hat. Da wäre ich auch barfuß hingelaufen. Sechzig ist eben Sechzig.

Sind Sie jemals nach Ihrer Löwen-Zeit von 1860 kontaktiert und nach Ihrer Meinung gefragt worden?
Lorant: Niemals! Die denken, sie sind etwas Besonderes. Ich habe nicht mal eine Jahreskarte bekommen, egal welche Führung gerade dran war. Das sagt doch alles aus. Enttäuscht bin ich nicht darüber, aber ich verstehe die Leute nicht.

Haben Sie noch Kontakt zu einigen Sechzigern?
Lorant: Ja, doch. Ich war zum Beispiel zur Feier von Thomas Miller eingeladen. Peter Pacult ruft mich manchmal an. In Klagenfurt hatten wir uns beim Wörthersee-Cup im letzten Jahr getroffen. War schön. Aber, ob jetzt zum Geburtstag viele anrufen oder wenige, ist mir eigentlich egal.

Wie schmerzt noch eine Löwen-Niederlage, zum Beispiel am Samstag in Pipinsried bei einem Fünftligisten?
Lorant: Ich muss gestehen, ich habe nur mit einem halben Auge aufs Fernsehbild geschaut. Mir ist aufgefallen, dass die Löwen nur rumgestolpert sind. Was soll ich dann noch mehr dazu sagen. Sowas ärgert mich schon.

Immer wieder fliegen die Trainer im Profifußball. Haben Sie dafür Verständnis?
Lorant: Gar nicht! Wieso muss ein Urs Fischer bei Union Berlin gehen? Der hat die aus der 2. Liga nach oben gebracht bis in die Champions League – und jetzt? Den kann man doch nicht rauswerfen. Es kann nicht immer alles positiv sein.

Wie sehen Sie den deutschen Fußball allgemein?
Lorant: Da kann ich nur sagen, dass er stark abgebaut hat. Und die anderen Länder haben zugelegt. Das ist Fakt.