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Serie: "Mein Leben, der Sport"  |  28.12.2021  |  06:00 Uhr

Das Glück lächelt einer jungen Mutter zurück: Torjägerin Sandra Utzschmid zwischen Luis und Strafraum

von Michael Scherer

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Ihr größtes Glück: Sandra Utzschmid und Sohn Luis. −Foto: Marianne Hahn

Ihr größtes Glück: Sandra Utzschmid und Sohn Luis. −Foto: Marianne Hahn

Ihr größtes Glück: Sandra Utzschmid und Sohn Luis. −Foto: Marianne Hahn


Sie liebt Luis, sie liebt Tatjana sie liebt das Leben und den Fußball: Für Torjägerin Sandra Utzschmid (24) aus Geratskirchen läuft’s gerade auf vielen Spielfeldern wie am Schnürchen – aber: Diese junge Sportlerin kennt beileibe nicht nur Jubel, Trubel, Heiterkeit, sondern auch Tod und Trauer.

Ein Volltreffer: Wenn Sandra Utzschmid die Fußball-Schuhe schnürt und den grünen Rasen betritt, liegen Tore in der Luft. Die Stürmerin des Landesligisten DJK-SV Geratskirchen (Landkreis Rottal-Inn) jubelte in dieser bis dato noch jungen Saison schon über 17 Tore in nur neun Spielen.

Doch das größte Glücksgefühl schießt ihr am 13. September dieses Jahres durch den Körper, als ihr Sohn Luis das Licht der Welt erblickt. "Eine Geburt ist besser als jedes Tor", sagt die 24-Jährige. 20 Stunden dauert die Niederkunft bei ihrer Ehefrau Tatjana (29). "Aber Ende gut, alles gut", erinnert sich Luis’ Mutter an große Momente im Kreißsaal des Altöttinger InnKlinikums.

Seit Juli dieses Jahres ein Ehepaar: Sandra und Tatjana Utzschmid. −Foto: utz

Seit Juli dieses Jahres ein Ehepaar: Sandra und Tatjana Utzschmid. −Foto: utz

Seit Juli dieses Jahres ein Ehepaar: Sandra und Tatjana Utzschmid. −Foto: utz


Pausenhof-Kick nach dem Sommermärchen 2006

Sie kann da ihre Gefühle nicht in Worte fassen, so überwältigt ist sie vom neuen Erdenbürger, ihrem Sohn. Und Luis durfte der Mittelstürmerin natürlich schon bei ihrer sportlichen Leidenschaft aus dem Kinderwagen oder auf dem Arm seiner Mutter Tatjana zuschauen. So wie gegen Wacker München II, im letzten Spiel dieses Fußball-Jahres, das für Familie Utzschmid – Tatjana Ribesmeier hat bei der Hochzeit den Namen ihrer Frau angenommen – mit einem Schock beginnt. Sandra Utzschmid humpelt in Minute 2 vom Feld und kehrt erst nach zehn Minuten wieder zurück. Mit dick bandagiertem rechten Knöchel.

Doch voller Adrenalin spürt sie den Schmerz nicht wirklich – und haut den Ball gleich viermal ins gegnerische Tor. Viererpack, zum zweiten Mal in dieser Saison. Insgesamt führt die Torschützin vom Dienst mit 17 Buden die Torjäger-Liste der Landesliga Süd an. Wenn Sandra Utzschmid spielt, trifft sie. Und das gilt eigentlich seit jeher.

In der Corona-XXL-Saison blieb’s bei geradezu mickrigen 10 Törchen in 11 Spielen, davor ließ sie es krachen, im Durchschnitt mit mindestens einem Tor pro Match. Ihr Erfolgsgeheimnis? "Keine Ahnung, grundsätzlich zählt für mich der Sieg meiner Mannschaft", sagt eine geerdete Fußballerin, "ich freue mich auch über eine gelungene Vorlage." Ach komm‘! "Klar, wenn wir 5:0 gewinnen und ich schieße keins, bin ich ein bisschen enttäuscht – aber es ist kein Beinbruch, wenn ich mal nicht treffe, echt." Vielleicht findet sich der Grund für diese Ansicht ja in der Schule, genauer gesagt: auf dem Pausenhof der Grundschule Mitterskirchen, im Schuljahr nach dem Sommermärchen 2006.

Dort beginnt Sandra Utzschmid mit dem Kicken; Straßenfußball, wo das Miteinander bestimmt, nicht das Ego. Natürlich tummeln sich dort in großer Mehrzahl die Burschen, doch die junge Fußball-Elevin lässt das kalt. Eiskalt, schließlich überzeugt die vermeintliche Außenseiterin mit Technik, Geschwindigkeit und Toren. Auf dieser Spielwiese dominieren nicht Eitel- oder Überheblichkeiten, sondern es gibt nur Gut oder Schlecht. Und Sandra zeigt der jungen Männlichkeit, was sie am Ball drauf hat. Ihr Spiel ist so gut, dass der Vater eines Mitschülers, Franz Schechtl, sie für den örtlichen DJK-SV begeistert. Schechtl trainiert dort die E-Jugend und er mag das Talent in seinen Reihen stürmen sehen. Denn für Sandra Utzschmid gilt von kleinauf: "Ich spiele nur vorne, und zwar ganz vorne."

Von den Eltern kommt die Begabung am runden Leder freilich nicht, Vater Bernhard und Mutter Daniela haben mit dem Lieblingssport ihrer Tochter rein fußballerisch gesehen nichts am Hut. Aber: "Sie haben mich zu jedem Spiel begleitet und sind meine größten Fans" – so fördert Liebe auch ein (Fußball-)Talent. Und Sandras Eltern chauffieren ihre Tochter im Wechsel – nach einem Wechsel. Weil Sandra Utzschmid auch bei den C-Mädchen in Geratskirchen trifft und trifft und trifft, wird sie vom SV Frauenbiburg – der ersten Adresse für Frauen- und Mädchen-Fußball in Niederbayern – abgeworben. Und Bernhard und Daniela Utzschmid begleiten sie drei- bis viermal die Woche zu Training und Spiel im 40 Kilometer entfernten Vorort von Dingolfing. "Mich hat die Liga gereizt", erklärt Sandra Utzschmid lapidar – die Liga ist die Bundesliga.

Mit 15 spielt Utzschmid in der B-Juniorinnen-Bundesliga

Und so läuft sie in der Saison 2012/13 mit knapp 15 Jahren erstmals in der B-Juniorinnen-Bundesliga Süd auf. Am Ende gelingt der Klassenerhalt. Runde 2 in der Beletage des Juniorinnen-Fußballs endet im Stadion zu Landau an der Isar – vor 650 Zuschauen gegen den FC Bayern München. Ein großer Name. 5:0 heißt es nach Abpfiff für die jungen Damen des Rekordmeisters, kein würdiger Abschluss für die Stürmerin aus dem Geratal. Trotzdem gibt’s wieder einen Grund zum Feiern, der SV Frauenbiburg schafft erneut den Ligaerhalt, "was für so ein kleines Dorf enorm war. Ich habe Erfahrungen gesammelt, die ich bei keiner anderen Station hätte erleben dürfen. Das waren zwei super Jahre, in denen ich enorm viel gelernt habe – sportlich wie menschlich", blickt die 24-Jährige zurück.

Aber sie verlässt Frauenbiburg wieder. Endgültig. Warum? "Beim SV wollten sie mich unbedingt behalten und fürs Regionalliga-Team aufbauen", sagt Sandra Utzschmid keinesfalls im Zorn. "Aber was ist schon Regionalliga, da verdienst du doch leider nichts mit Fußball. Und nach ganz oben ist der Weg auch ganz weit und ich hatte nicht das Selbstbewusstsein zu sagen: Ich schaff’s in die 1. Liga." Sandra Utzschmid setzt lieber auf Bildung statt auf Ball, zieht nach der Realschule das Abitur am Gymnasium in Altötting durch. Sportlich geht’s nur ligenmäßig einige Etagen tiefer: In der Landesliga glänzt sie bei ihrem Heimatverein mit 14 Toren in 17 Spielen.

Doch der Schein trügt: Privat liegt eine Last auf den Schultern der jungen Goalgetterin. Ihre Schwester stirbt nach einer mysteriösen Virus-Erkrankung. Urplötzlich. Mit 21. Nur einen Monat vergehen zwischen ersten, grippeähnlichen Symptomen und ihrem Tod im Krankenhaus. "Ich habe nur noch funktioniert" – die Trauer kommt später, nach bestandenem Abitur, ein tiefes, dunkles Loch. Abgrundtief.

"Jeder trauert anders", spricht die 24-Jährige ein wahres Wort und: "Die Zeit heilt Wunden." Ihre jetzige Frau Tatjana hilft, sie lernen sich 2015 beim Fußball in Geratskirchen kennen, beide kämpfen und siegen in einer Mannschaft. Und der neue Job hilft. Sandra Utzschmid liebäugelt mit einem Architektur-Studium, entscheidet sich jedoch für eine Ausbildung zur technischen Systemplanerin im Fachbereich Ingenieurtechnik bei einer Burghauser Firma, für etwas Solides. "Ich wollte Sicherheit, mein eigenes Geld verdienen."

Nach einer auf drei Jahre verkürzten Lehre macht sie beruflich noch einen Schritt weiter: Mit dem Unternehmen im Rücken entschließt sie sich 2019 zu einem Elektrotechnik-Fernstudium. Heißt konkret: Drei Tage in der Woche in der Burghauser Planungsabteilung, zwei Tage büffeln zu Hause. Andere sollen’s ihr nachmachen, deshalb lächelt sie im firmeneigenen Magazin "mt – menschen + technik" in die Kamera und richtet eine Botschaft an technikinteressierte Frauen: "Traut euch."

Familie & Fernstudium: Derzeit nicht machbar

Nomen est omen, anders: Im selben Jahr ziehen Sandra und Tatjana in eine Wohnung in Kastl (Landkreis Altötting), im Juli 2021 heiratet das Paar, im September ist das Glück mit Luis perfekt. "Ich bin sehr zufrieden, das Leben ist schön", strahlt die 24-Jährige, die die Idee mit dem Studium seit November aber erst mal hinten angestellt hat. Sandra Utzschmid arbeitet wieder Vollzeit. "Mit Familie ist ein Fernstudium derzeit nicht machbar." Vielleicht ändern sich die Dinge ab Mai nächsten Jahres, wenn sie ein halbes Jahr in Elternzeit geht, "wer weiß es schon?" Zudem ist die Familienplanung im Hause Utzschmid nicht abgeschlossen, Sandra kann sich eine Zeit im Wochenbett vorstellen, "das steht zur Diskussion".

Am Ball bleibt die Vollblut-Stürmerin selbstverständlich auch: Nach überstandener Verletzung – der Schmerz vom Wacker-Spiel resultiert von einem angerissenen Außenband und einer kleinen Knochenabsplitterung ("Nochmal Glück gehabt") wird die Geratskirchner Tor-Garantie mit Nummer 15 ab Februar oder März wieder angreifen. Aber keinesfalls bei einem anderen Verein, trotz einiger sporadischer Anfragen – auch vom Ex-Klub aus Frauenbiburg. "Freizeit, Freunde und Familie sind mir viel wichtiger", sagt Sandra Utzschmid nach vielen "Volltreffern" in diesem Jahr – und weitere werden sicher folgen.

heimatsport.de-Serie "Mein Leben, der Sport"
Der Sport ist eine der schönsten Nebensachen der Welt, heißt es. Für viele ist er mehr als das – Antrieb, pures Glück, Lebensinhalt. Doch es gibt immer auch ein Leben neben dem Sport – und das ist oft sogar ziemlich spannend.

In unserer Serie "Mein Leben, der Sport" porträtieren wir Menschen, die nicht nur auf Sportplätzen, in Hallen oder auf Loipen und Strecken besondere Geschichten schreiben, sondern auch abseits davon.

Kennen Sie Sportler aus der Region, die eine besondere Geschichte zu erzählen haben – oder trifft die Beschreibung sogar auf Sie selbst zu? Dann melden Sie sich gerne per Mail unter sport@pnp.de. − red












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