Erfahrungsbericht
Die Selbstzweifel eines Ultraläufers: Trailrunning-Pionier Markus Mingo stellt sich die Sinnfrage

10.05.2023 | Stand 16.09.2023, 22:20 Uhr
Markus Mingo

Über Stock und Stein: Markus Mingo beim UTFS F.: UTFS/Gerhard Illig


Markus Mingo gehört zu Deutschlands Trailrunning-Pionieren.

Der Bad Kötztinger feierte in seiner langjährigen Karriere zahlreiche Erfolge. Doch was, wenn es nicht so gut läuft? Wenn sich während des Wettkampfes plötzlich die Sinnfrage stellt? Mingo schildert, wie er sich bei der WM-Qualifikation fühlte.


Warum mache ich das hier eigentlich? Ich sitze bei Kilometer 50 des Ultra Trails Fränkische Schweiz (UTFS) irgendwo im Wald auf einem Baumstamm und stelle mir die große Sinnfrage. Möchte ich weiterhin Trailrennen laufen? Ja! Möchte ich das Ganze auf ambitionierte Art und Weise tun? Ich weiß es nicht.

Eigentlich war alles perfekt angerichtet: Ich hatte die letzten vier Wochen gut trainiert, fühlte mich fit und wollte so richtig einen raushauen. Anvisiert war eine bestmögliche Performance. Ja, ich wollte mich für die bevorstehende WM in Innsbruck empfehlen und rechnete mir bei einem starken Auftritt berechtigte Chancen für den dortigen „Long Trail“ aus. Ich gehöre zum erklärten Kreis der Favoriten bei dieser mit viel Herzblut organisierten Veranstaltung in der Fränkischen Schweiz.

Alles gut und genau der Wahnsinn, wie ich ihn seit mehr als zehn Jahren betreibe.

Der Vortag wie immer: Arbeiten bis 13 Uhr, Packen, Anreise auf den letzten Drücker, Startnummer holen und anschließend als Teil einer Podiumsdiskussion den Veranstaltern zur Verfügung stehen. Ausrüstung parat legen, Frühstück vorbereiten und Schlafen im Auto auf einem Parkplatz. Routine.

Mit Wut zum WM Ticket?



Zehn Minuten vor dem Start um 6.50 Uhr nimmt der Tag seine Wendung. Beim Anziehen der Laufweste platzt der Reißverschluss und ich stehe kurz vor dem Wettkampf etwas perplex ohne Rucksack da. Hektisch krame ich ein bisher nicht getestetes Werbegeschenk hervor und schichte die nötigsten Utensilien um. Wird schon gehen! Mit Blick auf die Uhr schließe ich den Kofferraum. Darin mein kaputter Rucksack mit Autoschlüssel und der Hälfte meiner geplanten Verpflegung. Die Erkenntnis kommt mit dem Verschlussgeräusch: Sch... – ausgesperrt! Ich verschiebe das Problem auf nach dem Lauf und eile in Richtung Startbereich – immerhin ist es bereits 6:55.

Mit Wut im Bauch geht es über die ersten Kilometer und ich fühle mich bärenstark. Zusammen mit Markus Brennauer führe ich das Feld an, nur einzelne „Verläufer“ aufgrund fehlender Markierungen bremsen unseren Flow auf den ersten Kilometern. Die Hälfte der Strecke absolvieren wir in 2:45 Stunden. Wir sind auf Rekordkurs, das wird heute mein Rennen. Denkste! Im Downhill rutscht mir der Fuß weg und ich verdrehe mir das Knie. Es tut weh, aber Adrenalin und Wettkampfatmosphäre machen es erträglich. Erst später merke ich, wie unrund ich laufe und wie sehr mich die Verletzung vor allem im Downhill hemmt. Sonst meine Stärke, verliere ich ab sofort bergab immer an Boden. Noch führen wir zu zweit das Rennen an und ich bin bereit zu kämpfen.

Doch es kostet Körner – vor allem mental. Die Strecke ist in diesem Abschnitt unzureichend markiert und immer wieder machen wir uns auf die Suche nach der richtigen Abzweigung und dem exakten Weg.

Aufhören als Option?



Gerade für die Führenden frustrierend – auch wenn es vielleicht nur 60, 30 oder zehn Sekunden kostet, die Verfolgergruppe kann sich im Anschluss an uns orientieren und spart sich genau diese Sekunden des Zweifelns und Suchens.

Inzwischen sind meine halbierten Vorräte (der Rest liegt im kaputten Rucksack des zugesperrten Autos) verbraucht und ich muss mich an den Verpflegungspunkten (VP) verköstigen.

Alles gut gemeint. Von Wurst, Käse, Schokolade, Nussschnitten oder Müsliriegeln mit Schokoüberzug ist alles da, was ich mir im Ziel wünschen würde. Nichts davon bringt mich aber energietechnisch so richtig weiter und die ungewohnte Verpflegung in Verbindung mit der Hitze schlägt auf den Magen. Es ist diese Summe an Kleinigkeiten, die mich auf Dauer mürbe macht und mich in die „Baumstamm-Situation“ bringt.

Zeit aufzuhören? Weitermachen? Aussteigen? Im Kopf gehe ich die Optionen durch: Hinlegen und sterben? Nö! Notfallnummer wählen und abholen lassen? Ich möchte niemandem zur Last fallen! Weiter bis zum nächsten VP und dort mit jemanden ins Ziel fahren? Vielleicht. Aus reinem Pragmatismus entscheide ich mich ins Ziel zu wandern beziehungsweise zu traben. Diese Einstellung hatte ich früher als Schüler und Student schon nach dem Weggehen: Bevor ich auf ein Taxi gewartet habe, bin ich meist lieber heimgelaufen. Ging oft genauso schnell und war günstiger. Wenn ich es mir recht überlege, ist dieser stoische Pragmatismus wohl genau das, was einen Ultraläufer auszeichnet. Ich sinniere also über meine Zukunft als Läufer, nachdem ich mich und die damit verbundenen WM-Ambitionen aufgegeben habe.

Mein Leistungsvermögen ist besser denn je: Die Intervalle im Training fühlen sich gut an und sind trotzdem schneller als je zuvor. Auch die eigenen Strava-Segmente pulverisiere ich regelmäßig. Es ist also nicht der körperliche Verfall, der mir zu schaffen macht. Eher der unbedingte (Sieges-)Wille, der mich in den vergangenen 15 Jahren antrieb, wenn es mal nicht gut lief. Fehlt mir mittlerweile der Biss? Will ich das überhaupt noch? War es das mit Wettkämpfen? Ich denke, in diese Situation kommt jeder Sportler irgendwann – in der man sich Gedanken macht, aufzuhören. Bei einigen geht das von einem Tag auf den anderen, bei mir ist es ein schleichender Prozess. Ich bin unglaublich gerne Teil dieser Community, laufe immer noch unglaublich gerne Wettkämpfe.

Sieger oder normaler Läufer?



Dabei ist es einfach, alles zu geben, wenn man in Führung liegt und sich gut fühlt. Es ist auch leicht auszusteigen, wenn es mal nicht gut läuft. Und es fällt mir leicht (ich habe den Körper immerhin jahrelang daran gewöhnt) einen Ultratrail im Wohlfühlbereich zu absolvieren. Was jedoch einen „Sieger“ von einem „normalen Läufer“ unterscheidet und was mir in zunehmendem Alter – 41 – schwerer fällt, ist es einen Wettkampf an der Leistungsgrenze zu laufen, der nicht gut läuft. Mich aus einem Tal herauszukämpfen oder auch mal den Schmerz (solange es keine wirklich ernste Verletzung ist) zu ignorieren und volle Pulle weiterzumachen wird von der persönlichen Challenge von einst immer mehr zur Qual. Will ich das Ganze also noch? Ja, aber nicht um jeden Preis und nicht an jedem Tag.

Ich glaube, ich habe mir jahrelang bewiesen, dass ich beißen kann. Jetzt habe ich es mir auch mal verdient einen Wettkampf langsamer anzugehen, Schokolade an den VP in mich reinzuschaufeln und bei einem netten Plausch auch mal fünf Minuten „liegen“ zu lassen. Wenn der Tag und die Verfassung passen, kann ich aber auch mal „racen“.

Im Zielbereich holen mich zwei Menschen aus meinen grauen Gedanken. Einer meiner besten Schulfreunde, wir hatten uns seit 15 Jahren nicht gesehen, steht am Straßenrand und feuert mich lautstark an. Er lebt in Erlangen und hatte in der Zeitung gelesen, dass der „deutsche Meister“ am Start steht. Wir plaudern über alte Zeiten, brechen gemeinsam in mein Auto ein und genießen den Tag bei einigen Bieren. Die zweite Person, die mir sprichwörtlich den Tag versüßt ist Stefan von trailrunning24.de und seine Zielverpflegung. Er und seine Frau lächeln auch noch, als mein Kuchenkonsum in den zweistelligen Bereich geht Von Konkurrenzdenken keine Spur. Es ist schon eine sehr coole Community, die wir Trailrunner haben.

Trost vom Sohn



Mit der WM-Qualifikation wurde es nichts. Markus Mingo (41) kam als Fünfter ins Ziel. Um Mingos mentale Verfassung muss sich trotzdem niemand sorgen: „Am nächsten Morgen war meine Leistungssportlerseele wieder geheilt, als zwei Tiger zu mir ins Bett gehüpft kamen und sich freuten, dass der Papa wieder da ist. Mein Großer flüsterte mir ins Ohr, dass ich für ihn der ,beste Läufer der Welt‘ bin. Lieb von ihm – aber ehrlich gesagt war mir das in diesem Moment sch…egal“, sagt Mingo.

Nun steht die eigene Veranstaltung ins Haus: der U.TWL, der Ultratrail Lamer Winkel, am 20. Mai. Ein fünfköpfiges Orga-Team um Mingo hob den Lauf 2015 aus der Taufe.