Emirate, Türkei, New York, China
Der Sprung ins kalte Wasser kam viel schneller als gedacht: Das Lehrjahr des Henri Uhlig

18.05.2024 | Stand 18.05.2024, 11:15 Uhr

Sagt der großen Profiwelt hallo: Henri Uhlig. Foto: Imago

Berge fahren ist Alltag für einen Radrennfahrer. Und passt auch sprachbildlich, um Fortschritte zu beschreiben. „Der erste Berg ist nach vielen Tälern erklommen“, sagt Henri Uhlig, 22 und neu in der großen, weiten, bisweilen auch harten und brutalen Profiwelt.

Der Mann aus Hagelstadt, einem 2000-Einwohner-Örtchen im Landkreis Regensburg, der radsporttechnisch mit Papa „Uhu“ Steffen beim RSC Kelheim groß wurde, gehört in diesem Sommer zum 30-köpfigen, namhaften Rennstall Alpecin-Deceunik. Uhlig weiß: „Jetzt geht‘s erstmal runter und dann will man noch höhere Berger erklimmen.“

Anfang Februar rollte die Saison langsam an. Kleinere Rennen sollten es sein. „Die wissen, was ich kann. Und da kann ich auf Ergebnis fahren“, sagte Uhlig vor der Saison. Doch dreieinhalb Monate später war die Realität eine andere. „Der Sprung ins kalte Wasser“, wie Uhlig es nennt, war eigentlich erst für die Tour-de-France-Generalprobe, die ebenfalls bekannte Dauphine-Rundfahrt in den Westalpen geplant, die ab 2. Juni über acht Etappen geht. Doch Pustekuchen!

„Bis Ende März waren anfangs acht Renntage geplant. Geworden sind es 21“, berichtet Henri Uhlig – und kommt gleich rum um die Welt, weil er hier und da als Nachrücker zum Zug kam. Ohne speziellen Vorbereitung ging‘s in zur Rundfahrt in die Arabischen Emirate, vor allem aber zur Katalonien-Rundfahrt und danach noch zur achtetappigen Türkei-Tour.

Einmal vorne, einmal hinten

Das verschaffte imposante Eindrücke. „Mit derselben Watt-Zahl, mit der ich in der Türkei in der vorderen Gruppe mitgefahren bin, war ich in Katalonien in der hintersten. Das Rennen dort war auch das erste Mal, dass ich dachte, ich erreiche das Ziel nicht.“ Zur Veranschaulichung: Während in der Türkei nur fünf Spitzen-Profiteams starteten und zehn Zweitligateams, waren es in Katalonien die Topteams, wo ein slowenischer Topmann bei seinem Gesamtsieg auch schon mal zeigte, wo der ganz große Hammer in der Szene hängt.

Henri Uhlig beschreibt den Auftritt so: „Tadej Pogocar hat mit uns gespielt. 170 Fahrer haben versucht bei ihm im Training in seinem Windschatten mitzuhalten“, schildert er die Topliga. Für Pogocar war es die Vorbereitung auf den Giro d‘Italia, den er aktuell mit 2:40 Minuten Vorsprung anführt.

Und auch diese Woche haben sich die Pläne von Henri Uhlig kurzfristigst geändert. Ein rennen in Belgien stand für Pfingstsonntag im Plan, danach die Rundfahrt durch Norwegen. Doch daraus wurde nichts: Stattdessen ging es am Freitag für einen Kurztrip nach New York. „Alles gecancelt für die 130 Kilometer dort“, sagt Uhlig zum Profi-Alltag. Sportlich bedeutend ist sein Auftritt mit dem Nachwuchsteam sehr bedingt, aber PR-technisch für seinen Rennstall wohl eben wichtig: Bei der „Five Boro Bike Tour“ haben sich 32000 Teilnehmer angekündigt.

Und noch ein anderes Fernreiseziel ist neu im Uhligschen Kalender: Mitte Juli geht es nach China auf 3000 Meter Höhe in eine Hochebene. „Ich war noch nie in der Höhe“, sagt Uhlig und bilanziert erst einmal. „Ein Privileg ist das schon, auf diese Weise Fahrrad zu fahren und gleichzeitig die Welt zu sehen – auch wenn ich Reisen anstrengend finde.“

Radfahren ist das, was Henri Uhlig immer wollte – und es lag auch in der Familie. Mit zwei saß er erstmals auf einem Drahtesel. „Da bin ich ohne Stützräder gefahren und habe es auch meinem älteren Bruder Oscar beigebracht.“ Henri Uhlig lässt es gelten, wenn man ihn als Radfreak bezeichnet. „„Ich habe jedes Buch gelesen, dass es zu lesen gibt. Es gab keine andere Option für mich. Als Kind stellst du es dir aber leichter vor als es ist.“

Der Youngster, der eine Polizei-Ausbildung abgeschlossen hat und so abgesichert ist, klingt begeistert und reflektiert zugleich, wenn er über seinen Sport spricht. „Ich habe jedes Rennen auch als Fan verfolgt. Deswegen ist schwer zu realisieren, jetzt selbst dabei zu sein“, sagt er. „Ich habe aber auch gesehen, wie viele zerbrechen und es nicht schaffen. Fahrer wie mich gibt‘s 150 mal. Da bist d auch schnell weg.“

Erstmals ein solider Aufbau

Deswegen tut es auch gut, ohne „Performance-Druck“ fahren zu können, weil die Zukunft zumindest für das nächste Jahr noch gesichert. Denn auf Dauer will Henri Uhlig nicht nur mitfahren, sondern auch mal mitmischen – und bereitet sich dafür immer noch in heimischen Gefilden vor. „Im Umkreis von vier Stunden kenne ich jede Straße“, sagt Uhlig, der 2023 auf 23000 Rad-Kilometer kam und in diesem Jahr nach Ende der Ausbildung erstmals den Vorteil eines soliden Winteraufbaus hat, der ihm zuletzt gefehlt und immer wieder Pausen verursacht hatte.

Für Training muss Uhlig nicht in die Ferne schweifen. „Das ist das perfekte Trainingsgebiet. Du hast den bayerischen Wald, fast bis auf 1000 Meter hoch, kannst gut lange Berge fahren, nach Straubing ins Flachland und dann in alle anderen Richtungen noch die Hügel – langweilig wird’s einem da nicht. “

Uhligs Freundin erweitert das Trainingsgebiet jetzt noch. „Sie lebt am Stadtausgang von Regensburg. Da bin ich vorher nicht so hingekommen.“ Ungewöhnlich ist, wie sich das Paar gefunden hat, zumal Henri Uhlig von sich sagt, dass er „in einer Blase“ lebt. „Sie hat mich in der Sportschau bei der Deutschland-Tour vorne fahren sehen, hat mich bei Instagram angeschrieben und so hat sich das ergeben. Jetzt zeigt sie mir auch andere Seiten und dass sich nicht nur alles um den Radsport dreht.“