Der Steinkugel-Dompteur
Christian Wohlfarth aus Neuburg trainiert für die WM der Strongmen und hofft auf den Titel

07.06.2024 | Stand 07.06.2024, 18:15 Uhr |

140 Kilogramm wiegt diese Betonkugel mit Stahlkern. Sie auf die Schulter zu wuchten und das möglichst oft innerhalb einer Minute gehört zu den Disziplinen bei der Strongmen-Weltmeisterschaft in Fulda, an denen Christian Wohlfahrt teilnehmen wird. Foto: Wohlfarth

Ein Typ, der einen schweren Stein mit sich herumschleppt – da kommt einem sicher Obelix in den Sinn, der Hinkelstein-Lieferant aus den Asterix-Heften. Eine Comic-Figur. Wer sonst käme auf die seltsame Idee, sich eine massive Betonkugel mit Stahlkern und 140 Kilogramm Gewicht aufzuladen? Christian Wohlfarth zum Beispiel. Willkommen in der Welt der Strongmen. Der Neuburger ist einer von ihnen und seine Sportart besteht darin, sich mit Steinen und anderen schweren Gewichten abzugeben. Derzeit trainiert der Familienvater für die Weltmeisterschaft, bei der er sich große Chancen auf den Titel ausrechnet.

Der groß gewachsene Neuburger mit dem dichten schwarzen Vollbart verfügt über einen austrainierten Körper, was sofort auffällt. Doch ein Zwei-Meter-Hüne mit einer Muskelmasse wie Arnold Schwarzenegger in seinen besten Jahren und dem man zutraut Linienbusse zu ziehen oder Autos umzuwerfen, ist er auch wieder nicht. „Autos umwerfen machen wir in Deutschland zu schon länger nicht mehr“, sagt Wohlfarth mit einem Lächeln. Dafür gibt es andere Disziplinen, die dem Durchschnittsbürger Respekt abnötigen: Baumstämme drücken, Steinblöcke über den Kopf stemmen, Laufen mit schweren Gestellen oder Sandsäcke mit einem Gewicht von 135 Kilogramm meterhoch – mindestens 4,50 Meter – in die Luft schleudern. Und das Auto kommt doch wieder ins Spiel: Ein 330-Kilogramm-Gefährt ist auf einem Gestell befestigt und dieses muss der Sportler innerhalb von einer Minute anheben so oft es geht.

Erste Karriere als Fußballer

Ursprünglich kommt Christian Wohlfarth vom Fußball. Er kickte unter anderem für Karlshuld und beendete seine Karriere 2011. „Aber ich habe schnell gemerkt, dass irgendetwas fehlt“, sagt der Sportler. Deshalb begann er mit CrossFit, einem Kraft- und Konditionierungsprogramm, das unter anderem aus Gewichtheben, Sprinten, Eigengewichtsübungen sowie Turnen besteht. Trainingsort war die alte Tennishalle an der Gabel bei Ingolstadt. Dort wurde eines Tages für eine Veranstaltung mit Strongmen geworben. Auch die stärkste Frau Deutschlands war da. „Ich dachte mir, CrossFit kenne ich, schaue ich mir doch mal die Strongmen an“, erinnert sich Wohlfarth. „Ich war damals noch wesentlich schlanker“, fügt er hinzu. Ein Strongman aus Ingolstadt habe gefragt, ob sie zusammen trainieren könnten. Der Neuburger willigte ein und erkannte: „Das ist meins.“

Gründung der „Schanzer Bull’n“

Also begann er mit dem Training – ein eher ungewöhnlicher Entschluss in seinem Alter: „Es gibt wenige, die mit 36 Jahren anfangen. Meistens liegt der Durchschnitt bei 20 bis 30 Jahren“, erklärt Wohlfarth. Aber der vielseitige Mann hängte sich rein. Mit Gleichgesinnten gründete er das Schanzer Bull’n Strongman Team, dessen Chef er ist. Das Team trainierte zunächst an der Gabel und inzwischen auf dem Anwesen der Wohlfarths in Rothheim bei Neuburg in einer ehemaligen Kartoffelscheune – die passende Umgebung für diese rustikale Sportart. Acht Wettkampfathleten umfasst das Team.

Verliefen die Aktivitäten zunächst auf einem teilweise autodidaktischen Niveau, so arbeitet Wohlfahrth seit 2022 mit einem professionellen Trainer zusammen: Emanuel Pescari, genannt „Dr. Death“. Der Österreicher gewann 2022 den Titel „Stärkster Mann der Welt“ und war insgesamt zweimal Weltmeister. Pescari ist in derselben Gewichtsklasse wie Wohlfarth und entwickelt für seinen deutschen Schützling die Trainingspläne. „Der Trainer war der Gamechanger. Meine Leistungen sind seither extrem hochgegangen“, zeigt sich der Neuburger zufrieden. Die bisherigen Wettkämpfe in Deutschland und Österreich konnte er alle gewinnen.

Seit Februar bereitet sich der Abteilungsleiter bei einem Chemiedienstleister auf die Weltmeisterschaft vor, die vom 21. bis 23. Juni auf dem Messegelände in Fulda ausgetragen wird. Der gelernte Offset-Drucker und Molkerei-Techniker wird bei den über 40-jährigen Männern und in der Gewichtsklasse bis 105 Kilogramm antreten. Momentan wiegt der Neuburger 103 Kilogramm. Vier Trainingseinheiten mit insgesamt acht Stunden absolviert Wohlfahrth derzeit. „Das Training in der Vergangenheit wirkt auf das heutige wie ein Kindergeburtstag“, erklärt der Athlet mit einem kleinen Schmunzeln.

Laufen mit Stahlrahmen

Die Gewichte variieren immer mal wieder. Eine Einheit beginnt zum Beispiel damit, dass er einen selbstgefertigten Stahlrahmen aufnimmt und damit läuft. Spektakulär ist die Sache mit der Betonkugel. Mittels einer klebrigen Substanz verhindert der Sportler, dass ihm das Teil aus der Hand rutscht. „Beim ersten Mal habe ich auch gedacht, wie kriege ich das Ding bloß hoch“, berichtet der „Schanzer Bulle“. „Aber es ging erstaunlich leicht. Das einzige, was im Weg ist, ist das Schlüsselbein. Da muss man drüber.“ Ihm sei schon klar, dass es furchtbar aussieht, wenn er sich mit der Kugel auf der Schulter, mit seitlich geneigtem Kopf präsentiere. Passiert ist nie etwas. Auch gesundheitliche Probleme, etwa mit Gelenken, kennt Wohlfarth bisher kaum. „Es kommt auf die richtige Ausführung und auf die Technik an und auf das Körpergefühl. Ich arbeite seit zehn Jahren mit Gewichten und kann bestimmte Dinge einschätzen. Und ein bisserl Glück gehört ebenfalls dazu“, analysiert Neuburger, der im Wesentlichen vom Verletzungspech verschont geblieben ist. Im Gegenteil: „Ich habe jetzt weniger Verletzungen als zu Fußballzeiten und kleinere Krankheiten werden leichter weggesteckt.“ Größere offensichtlich auch: Die Verbrennungen, die sich der Neuburger bei einem Unfall zugezogen hatte, heilten recht rasch und – nicht alltäglich – er benötigte keine Reha. Allerdings: In jüngster Zeit haben sich doch einige Wehwehchen eingestellt, die das Training nicht ganz so rund laufen lassen wie geplant.

„Körperlich und mental muss es passen und mein Trainer arbeitet viel im mentalen Bereich“, berichtet Wohlfahrth. Ernährung sei ebenfalls wichtig. Er isst viel und nimmt dabei viel Eiweiß zu sich. Bei Zucker schränkt er sich ein. „Aber ich wiege nicht jedes Gramm ab. Bei mir ist viel Gefühlssache und ich arbeite ohne Ernährungsberater“, räumt er ein. Sein Blut allerdings lässt er regelmäßig untersuchen. „Der Testosterongehalt geht schon immer hoch“, sagt der Strongman.

„Bin ein absoluter Gegner von Stereoiden“

Ein problematisches Thema in seiner Disziplin stellt – wie in jedem Kraftsport – die Einnahme von Dopingmitteln dar. „Ich bin ein absoluter Gegner von Stereoiden“, bekräftigt Wohlfahrt. Und wenn einer der Schanzer Bull’n entsprechende Mittel nehmen würde, wäre derjenige ganz schnell draußen. Dennoch entfalten derartige Stimulanzien eine positive Wirkung bei Wohlfarth, und zwar auf ganz besondere Weise: „Das ist ein richtiger Motivationsschub, die zu besiegen, von denen man weiß, dass sie was nehmen. Manchen sieht man’s auch an.“

Gleichzeitig schätzt er den Zusammenhalt innerhalb der Szene. „Es ist ein Einzelsport und wir sind untereinander Konkurrenten, aber es geht fair zu und die Hilfsbereitschaft groß.“ Wohlfahrth nennt ein Beispiel: „Falls mal der Gewichtsheber-Gürtel kaputt ist, kommen sofort Strongmen und bieten den ihren an.“

Der Neuburger wendet sich seiner 140-Kilogramm-Kugel zu und wuchtet sie auf die Schulter. „Mein Ziel sind fünf Wiederholungen in einer Minute. Wenn ich das schaffe, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich mich Weltmeister nennen darf.“

DK