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"Allmählich wird es absurd"  |  11.06.2021  |  11:28 Uhr

500 Zuschauer, nur Sitzplätze, Datenerfassung: BFV tobt wegen "Rahmenkonzept Sport"

von Andreas Lakota

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Zuschauer auf dem Fußballplatz brauchen weiter einen fest zugewiesenen Sitzplatz. −Foto: Lakota

Zuschauer auf dem Fußballplatz brauchen weiter einen fest zugewiesenen Sitzplatz. −Foto: Lakota

Zuschauer auf dem Fußballplatz brauchen weiter einen fest zugewiesenen Sitzplatz. −Foto: Lakota


Mit völligem Unverständnis und deutlicher Kritik hat der Bayerische Fußball-Verband (BFV) auf das in der Nacht zu diesem Freitag veröffentlichte und ab sofort gültige "Rahmenkonzept Sport" des Bayerischen Innenministeriums reagiert.

Dieses setzt die Leitplanken für den Sportbetrieb unter den aktuellen Pandemie-Bedingungen. Während die sportlichen Öffnungsschritte an sich begrüßt werden, sorgen die Regeln für die Rahmenbedingungen, allen voran im Bereich Zuschauer, für großen Ärger. Denn die Besucherzahl bei Veranstaltungen im Freien und damit bei Fußballspielen bleibt einschließlich geimpfter sowie genesener Personen auf maximal 500 beschränkt. Zudem sind ausschließlich fest zugewiesene Sitzplätze erlaubt, die Kontaktdaten aller Besucher müssen erfasst und für vier Wochen gespeichert werden.

Stehplätze bleiben weiterhin grundsätzlich ausgeschlossen. Kurios: Im Gegensatz zu den Regelungen im Freien liege die Zuschauerobergrenze in Gebäuden bei Einhaltung des Mindestabstands bei 1000 Zuschauern. Eine platzgenaue Kontaktdatenerfassung sei hier nicht vonnöten, informiert der BFV in einem Schreiben.

"Allmählich wird es absurd", schimpft BFV-Präsident Rainer Koch. "Es kann niemandem mehr ernsthaft vermittelt werden, warum bei einem Fußballspiel im Freien keine Besucher einzeln um weiträumige Plätze stehen dürfen, dagegen aber bei wissenschaftlich belegtem ungleich höheren Infektionsrisiko in Gebäuden bis zu 1000 Zuschauer zugelassen werden. Ich gönne den Kulturschaffenden und allen Veranstaltern jeden einzelnen zugelassenen Besucher. Aber dass die Interessen von Millionen Amateursportlern, fußballbegeisterten Kindern und Jugendlichen, unseren über 4500 Fußballvereinen in Bayern mit ihren zehntausenden Ehrenamtlichen und Millionen Fußballinteressierten aus deren Umfeld weiterhin völlig sinnfrei ignoriert werden, ist nicht mehr hinnehmbar."

Für den langsam anlaufenden Testspielbetrieb der Amateurfußballer bedeutet die neue Regelung: Vereine, die keine Tribüne haben oder Sitzplätze fest zuweisen können, dürfen auch keine Zuschauer zulassen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, bei der jeweiligen Stadt bzw. der Gemeinde eine Ausnahmeregelung zu beantragen. Die verantwortlichen Lokalpolitiker können dann entscheiden, ob die Örtlichkeit für Zuschauer auch ohne feste Sitzplätze geeignet ist, heißt es vom BFV auf Nachfrage. Auch im Vereinsgasthaus oder -biergarten können Besucher empfangen werden (Regeln richten sich nach der Inzidenzzahl).

"Realitätsfern": Koch kritisiert Politiker scharf

Neben dem Fußballverband reagiert auch Teamsport Bayern (TSB) mit Unverständnis. "Warum draußen weniger Zuschauer, dann auch nur auf Sitzplätzen, zulässig sind als im Innenbereich ohne explizite Sitzplatzregelung, erschließt sich für TSB nicht", sagt Armin Zimmermann, stellvertretender Vorsitzender Leistungssport. "Alle Experten sehen das wesentlich größere Ansteckungsrisiko im Innenbereich. Die neue Regelung konterkariert geradezu die bisher umgesetzten Schutzmaßnahmen und alle Expertenmeinungen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, insbesondere hinsichtlich der Aufnahme von praxisorientierten Lösungen, wie z.B. die Einbeziehung von Stehplätzen im Außen- und Innenbereich."

BFV-Boss Rainer Koch geht sogar noch einen Schritt weiter. Er könne jeden Vereinsverantwortlichen verstehen, der "angesichts dieser Realitätsferne der Entscheider" nur noch den Kopf schüttle. "Seit Beginn der Pandemie reichen Verband und Vereine der Politik immer wieder aufs Neue die Hand und bieten ihre volle Unterstützung und auch Expertise für einen sensiblen Umgang mit der Pandemie an. Ebenso die gemeinsame Ausarbeitung und Umsetzung von praktikablen und verantwortungsvollen Lösungen. Wenn dann dieses Angebot schon nicht angenommen wird, muss zumindest mehr als ein vollkommen widersprüchliches Konzept, wie es jetzt auf dem Tisch liegt, herauskommen", kritisiert Koch.

Auch für den BFV ist klar: "Alle anerkannten Medizinier, Forscher und Virologen sind sich einig und belegen in ihren Studien, dass Sport unter freiem Himmel nicht im Ansatz ein erhöhtes Infektionsrisiko darstellt. Auch ist bis heute kein Fall bekannt, der eine Infektion im Zusammenhang mit dem Besuch eines Fußballspiels als Ursache belegt", heißt es in einer Mitteilung.

"Das neue Rahmenkonzept Sport ist ein Schlag ins Gesicht für alle Fußballvereine in Bayern", bringt es auch BFV-Schatzmeister Jürgen Faltenbacher, der im Präsidium für den Spielbetrieb zuständig ist, auf den Punkt: "Man kann nicht permanent Solidarität einfordern und gleichzeitig den Vereinen jeden Handlungsspielraum verwehren, um aus dieser auch wirtschaftlich schweren Lage herauszukommen. Zumal unsere Vereine allesamt bewiesen haben, dass sie mit den etablierten Hygienekonzepten verantwortungsbewusst umzugehen wissen. Jeder, der einen Bezug zum Amateursport hat, weiß: In jeder Fußgängerzone ist mehr los, als etwa bei einem regulären Fußballspiel in der Kreisklasse. Dennoch sind genau diese einzelnen Besucher für viele Vereine überlebenswichtig. Es ist deshalb geradezu fahrlässig, sie mit einem solchen Rahmenkonzept weiterhin auszubremsen und am Ende auch die vielfältige Vereinslandschaft zu riskieren. Das gilt übrigens nicht nur für den Fußball," erklärt Faltenbacher.

Bereits Mitte Mai hatte der Bayerische Fußball-Verband in einem Offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder eine praxisnahe Lösung in der Zuschauerfrage bei Fußballspielen unter freiem Himmel eingefordert: Dabei vertritt der BFV die klare Auffassung, dass "es eine Bagatellgrenze an Publikum braucht, bei der dies auch ohne besonderes Konzept, evtl. mit Masken, möglich sein muss. Viele Kinderangebote funktionieren nur dann, wenn die Eltern die Kinder fahren und begleiten – gerade jetzt wollen wir nicht viele Personen in einem Auto haben. Und ein Fußballplatz ist groß genug, um dort genügend Personen mit ausreichend Abstand unterzubringen. Wir fordern also die Möglichkeit, ohne besonderes Konzept 100 Zuschauer bei Sportveranstaltungen im Freien zuzulassen (evtl. mit Maske und einfacher Kontaktverfolgung)".

Bis heute habe man auf den Brief noch keine Antwort erhalten, informiert der BFV.

Team Sport Bayern kritisiert noch einen weiteren Punkt im "Rahmenkonzept Sport": "Nicht geregelt sind zudem Veranstaltungen im öffentlichen Raum, wie beispielsweise Kanurennen. Das führt dazu, dass trotz des neuen Rahmenkonzepts Sport Veranstaltungen von den betreffenden Kommunen weiterhin nicht genehmigt werden. Auch hier gilt es, den Entscheidern entsprechende Rechts- und Handlungssicherheit zu geben", heißt es in einer Pressemeldung. − red












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