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Interview, Teil 3 | 25.03.2020 | 06:00 Uhr

BFV-Boss Koch zum Thema Futsal: "Auch Waldmeisterschaft zwischen zwei Bäumen möglich"

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Rainer Koch. −Foto: dpa

Rainer Koch. −Foto: dpa

Rainer Koch. −Foto: dpa


Er streckt den Ultras die Hand entgegen, verteidigt aber das Vorgehen des Verbands gegen Auswüchse in den Stadien: Im Interview mit der Heimatzeitung spricht der bayerische Fußballchef und DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch über das schwierige Verhältnis zwischen Verband und Ultras, warum Futsal eine Verbands-Aufgabe ist und was für ihn E-Sports mit Carrera-Rennbahn zu tun hat. Das Gespräch mit Rainer Koch wurde vor der Aussetzung des Spielbetriebs in Folge der Corona-Krise geführt.

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Herr Koch, in Niederbayern tut sich die Hallenspielform Futsal nach wie vor schwer. Viele würden am liebsten wieder zurück zum guten alten Bandenkick.
Koch:
Der gute alte Bandenkick ist ja nicht abgeschafft. Er ist einfach keine Aufgabe des Verbandes. Wir sind in Bayern ja bewusst den anderen Weg gegangen. Wir haben von der ersten Minute an gesagt: Wer mit der Bande kicken will, der kann das tun. Wer in Passau eine Waldmeisterschaft machen will mit Toren zwischen zwei Bäumen, der kann das auch tun. Das ist aber eben nur alles nicht Aufgabe des Verbandes. Wir sind ja dafür, dass Fußball in allen Facetten gespielt wird, auch, weil viele Leute einfach keine Lust haben, dreimal die Woche zu trainieren und am Samstag dann den Wettbewerb das ganze Jahr über zu spielen. In der Halle gibt es nur eine weltweit anerkannte Wettbewerbsform – Futsal -, und der Verband ist dafür da, Wettbewerbe aus dem anerkannten Portfolio der FIFA mit auszurichten. Und das tun wir. Und insoweit gehen wir unseren Pflichten nach.

Aber die Mannschafts-Meldezahlen für die Futsal-Turniere gehen immer weiter zurück ...
Koch:
Wenn weniger Mannschaften mitmachen wollen, dann ist das deren Entscheidung. Aber die Wahrheit ist ja auch die, dass die anderen Turniere von den Meldezahlen auch zurückgehen. Und da gibt’s ja auch eine Begründung dafür. Eine Begründung, die nachvollziehbar ist und gar nicht Ausdruck einer schlechten Entwicklung. Wir haben im Lauf der letzten zehn Jahre die Spielkalender im Sommer immer enger gestaltet. Die Regenerationsphase, die die Spieler brauchen, hat sich, jedenfalls für die höherklassigen Vereine, völlig verändert: weg vom Sommer, hin zum Winter. Weil wir im Winter, in der schlechten Zeit, die Zeiten verlängert haben, in denen nicht gespielt wird. Im Sommer haben wir dagegen alles ganz eng zusammengezogen. Also Saisonende, drei Wochen Ferien, Saison-Vorbereitung, Spielbeginn. Das ist ja alles neu. Das ist für Vereine von der Bezirksliga aufwärts, jedenfalls aus meiner Sicht, völlig nachvollziehbar, dass die nicht mehr so interessiert sind, mit ihrer ersten Mannschaft an Hallenmeisterschaften mitzuwirken. Deswegen ist das für mich überhaupt kein Problem. Und im Bereich drunter habe ich, ehrlich gesagt, auch kein Problem, wenn Vereine sich an dieser Stelle anders aufstellen. Wir sind ein Fußballverband, und wenn bestimmte Dinge nicht nachgefragt werden, oder bescheiden nachgefragt werden – ich zwinge auch keinen, Beach-soccer zu spielen –, dann ist das halt so. Wir stellen Schiedsrichter zur Verfügung für den Bandenfußball, wir liefern Sportgerichtsbarkeit. Das ist unsere Aufgabe, der kommen wir als Fußballverband nach. Auf Dauer müssen wir uns überlegen, wer will noch mehrstündige Hallenturniere mit sehr kurzen Spielzeiten für jede Mannschaft? Wollen es die Funktionäre in den Vereinen, die meinen, entscheidende Euros aus solchen Turnieren rausziehen zu können? Vergessen sind da diejenigen Trainer, die jeden Sonntag zehn Stunden in der Halle sitzen, Mütter von Spielern, die monatelang permanent Kuchen backen. Das ist doch alles nicht mehr zeitgemäß. Das habe ich als Jugendtrainer vor 40 Jahren schon nicht mehr als zeitgemäß empfunden.

Also was tun?
Koch:
Die Zielsetzung, die ich für förderungswürdig halte, ist der Futsal-Ligenbetrieb, den wir in Teilen von Bayern schon sehr erfolgreich eingeführt haben. Da müssen wir möglicher Weise auch ein bisschen an den Spielzeiten arbeiten. Wir müssen Hallenzeiten nutzen, die aktuell die Trainingszeiten sind. Da müssen wir Angebote hineinbekommen. Dann braucht man halt plötzlich nur noch eineinhalb Stunden, und eben nicht mehr den ganzen Tag. Das ist etwas, das mir noch kein Spielleiter hat erklären können: Warum wir vom Grundsatz her im Sommer eine andere Organisationsform als im Winter haben müssen. Ich hab da schon mal ein bisschen provokativ gefragt: Warum spielen wir eigentlich im Sommer nicht, wie eure Leute im Winter fordern? Wir könnten ja auch jeden Sonntag in Turnierform auf dem Feld spielen. Das ist so ein blöder Vorschlag, dass ein junger Mensch sagt, wie kann man nur auf so was kommen? Aber überlegen Sie doch: Warum müssen wir das im Winter anders machen? In einigen Teilen Bayerns wird dieser Gedanke im Jugend-Bereich bereits seit zwei Jahren aufgenommen, mit sehr großem Zuwachs im Futsal-Ligen Spielbetrieb. Es ist noch nicht so, dass das schon überall jeder merkt. Aber wir haben schon über 300 Mannschaften. Das führe ich schon auch auf die neue Organisationsform von Futsal zurück. Und: Es kommt jeder zum Einsatz, das Spiel, der Spaß, die Technikschulung, die geringeren Verletzungsgefahren, die bessere Organisationsmöglichkeit stehen im Vordergrund.

Dann haben sich, auch provokativ gefragt, die Nachwuchsprobleme also erledigt?
Koch: Nein, natürlich haben wir Nachwuchsprobleme. Es sind vor allem auch Erstzulauf-Probleme. Das wird immer ein wenig übersehen. Die Drop-Out-Probleme kennen wir seit 40 Jahren, dass Spieler aufhören, wenn sie in die Pubertät kommen, wenn andere Freizeitangebote attraktiver erscheinen. Aber wir haben jetzt noch zusätzlich das Problem, dass die Jungen und Mädchen teilweise schon gar nicht mehr in die Vereine kommen – zumindest in nennenswerter Anzahl. Das geht schon bei der E- und der F-Jugend los. Und das ist doch ein Zeichen dafür, dass wir uns im Fußball ständig hinterfragen müssen, ob die Angebote passgenau sind. Das betrifft ja nicht nur den Fußball. Diese Probleme haben die Mannschaftssportarten insgesamt. Wir können nur Angebote machen. Nehmen Sie die Fußballiade, oder die Spielform, mit der man auch mit einer kleinen Anzahl von Spielern Spaß haben kann. Und dann ist das egal, wie das heißt. Spaß hat ein junger Mensch im Fußball, wenn er möglichst oft am Ball ist, wenn er aufs Tor schießen kann, wenn er individuelle Erfolgserlebnisse hat.

Dafür muss er aber erst einmal im Fußballtraining gewesen sein…
Koch: Muss er. Und deshalb muss da vor allem erst einmal eine Stimmung am Ort sein, die ihn motiviert, da hinzugehen. Stichwort: attraktiver Verein.
Da sind wir aber eher bei den Leuten als bei den Inhalten.
Koch: Da sind wir vor allem ganz stark bei den Trainern, und ganz stark bei den Verantwortlichen in den Jugendabteilungen. Da sind wir vor allem ganz schnell beim Thema Ehrenamtsförderung. Es ist alles sehr komplex. Und genau darum funktionieren eben Rezepte von vor 30 Jahren nicht, um die Probleme von 2020 zu lösen. Seinerzeit gab’s noch nicht einmal ein Handy. Man muss deshalb einen Verband heute so führen, dass Vereinsleben im besten Sinne stattfinden kann.
Das Interview führten: Martin J. Freund und Alexander Augustin.












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