Er trainiert jetzt die U17 in Haching

Für die Familie in den Hintergrund: Ex-Löwen-Held Daniel Bierofka im Interview

14.08.2022 | Stand 15.08.2022, 20:06 Uhr

Seit Juli mit neuer Aufgabe: Daniel Bierofka trainiert die U17 der Spvgg Unterhaching. Zum Trainingslager war er mit der Mannschaft in Riedlhütte.

Von Alexander Augustin

Er war als Spieler Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart, hat als Trainer die Münchner Löwen gerettet und entwickelt nun als U17-Trainer in Unterhaching die Profis der Zukunft: Daniel Bierofka (43). Im Trainingslager in Riedlhütte (Lkr. Freyung-Grafenau) hat er über sein Engagement, seine Visionen und seine Vergangenheit gesprochen.

Herr Bierofka, seit gut einem Monat sind Sie nun U17-Trainer bei der Spvgg Unterhaching. Wie war der erste Eindruck?
Bierofka: Es macht viel Spaß, mit den Jungs zu arbeiten. Aber natürlich musste ich erst einmal das Eis brechen, ich bin ja kein unbeschriebenes Blatt. Die Jungs googeln und gehen dann mit einem gewissen Respekt rein. Es hat etwa zwei Wochen gedauert, bis sich das eingespielt hat. Mittlerweile merkt man, dass wir Woche für Woche gute Fortschritte gemacht haben. Vor kurzem haben wir RB Leipzig 2:1 geschlagen, haben ein Turnier mit Kaiserslautern und Karlsruhe gewonnen. Wir sind auf einem sehr guten Weg.

Ihr Engagement als Jugendtrainer in Haching kam für viele etwas überraschend. Sie waren Profitrainer bei 1860 und Wacker Innsbruck, nach außen wirkt das wie ein Schritt zurück.
Bierofka: Für mich war es genau der richtige Schritt, weil es eine familiäre Entscheidung war. Es gibt in München ja nicht so viele Möglichkeiten, als Fußballtrainer zu arbeiten. In Haching habe ich selbst in der Jugend gespielt. Ich weiß, wie wichtig der Nachwuchs bei der Spvgg ist. Mein Verhältnis zu Manni Schwabl (Präsident, Anm. d. Red.) ist sehr gut, wir sind befreundet. Er hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. In Absprache mit meiner Familie habe ich dann entschieden, dass ich für die nächsten drei Jahre auf jeden Fall in Unterhaching bleibe.

Manfred Schwabl hat bei Ihrer Vorstellung gesagt, dass Sie für Werte stehen, die auch bei der Spvgg großgeschrieben werden. Welche sind das?
Bierofka: Ich denke, dass ich ein sehr normaler, bodenständiger Typ bin, der sich nicht zu wichtig nimmt. Für mich steht das große Ganze im Vordergrund, dass man für einen Verein und die Entwicklung der Jungs alles gibt und nicht sein Ego dauernd nach vorne stellt. So tickt Unterhaching und so ticke ich als Person. Außerdem bin ich sehr ehrgeizig, der Manni ist sehr ehrgeizig. Daher passt das schon ganz gut zusammen.

„Es war eine rein familiäre Entscheidung“

Ihre vorherigen Trainerstationen waren von Unruhe im Vereinsumfeld geprägt. Ist Ihr Engagement in Haching auch als bewusster Bruch zu werten: Lieber in Ruhe entwickeln als sich an vorderster Front zu zermürben?
Bierofka: Das hat damit gar nichts zu tun. Ich kann mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, sehr gut umgehen. Es war eine rein familiäre Entscheidung. Ich hätte auch nach Duisburg oder Halle gehen können und hatte noch zwei weitere Angebote auf dem Tisch. Aber nach den eineinhalb Jahren in Innsbruck (der Verein musste im Sommer nach monatelangen Querelen Insolvenz anmelden, Anm. d. Red.) habe ich gemerkt, dass bei der Familie was hängen bleibt. Deswegen waren mir jetzt andere Sachen wichtiger. Ich will mit Jungs auf dem Platz stehen – und das macht mir sehr viel Spaß, obwohl es natürlich auch viel Arbeit ist.

Als Jugendtrainer sind Sie nicht nur Übungsleiter, sondern wahrscheinlich auch viel auf zwischenmenschlicher Ebene gefragt.
Bierofka: Wichtig ist, dass du einen guten Draht zu den Spielern hast. Ich war ja auch bei Sechzig schon ein halbes Jahr U16-Trainer und habe da ein bisschen Erfahrung gesammelt. Die Empathie ist sehr wichtig, die Jungs sind in der Pubertät und entwickeln sich in ihrer Persönlichkeit. Deswegen müssen sie wissen, dass sie jederzeit zu dir kommen können und du ihre Probleme ernst nimmst.

Auch körperlich sind Spieler der U17 ja in ganz unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Der eine ist vielleicht schon ausgewachsen, der andere hat noch einen Schub vor sich. Wie schwer ist es da, die richtigen Prognosen zur fußballerischen Zukunft anzustellen?
Bierofka: Das ist allgemein so eine Sache. Ich würde nie einen Spieler in den Hintergrund schieben, nur weil er körperlich noch nicht so weit ist – vor allem, wenn ich sehe, dass er Potenzial hat und Dinge mitbringt, die andere nicht haben. Da ist es wichtig, dem Jungen zu helfen. Ich habe viele junge Spieler gesehen, die wurden schon drei- oder viermal abgeschrieben und haben dann den Durchbruch geschafft. Andere wurden früh gehyped und haben es nicht geschafft.

Mit Identifikation statt mit Geld zum Erfolg



In München gibt es einen Dreikampf um die Vorherrschaft im Jugendfußball zwischen Haching, Sechzig und den Bayern. Viele Experten sehen die Spvgg auf einem sehr guten Weg. Wie würden Sie diesen beschreiben?
Bierofka: Man sieht das an meiner Mannschaft: Die spielt im Kern seit einigen Jahren so zusammen, es gibt keine hohe Fluktuation. Ich habe das bei Sechzig und Bayern gesehen, dass Mannschaften schon schnell durcheinander gewürfelt werden. Da ist es schwierig, ein Gefüge und eine Identifikation zu entwickeln. In meiner Mannschaft sind die Spieler teils seit der E-Jugend hier. Das ist der Hachinger Weg.

Übers große Geld wird also niemand angelockt.
Bierofka: Das haben wir eh nicht. (lacht)

Sie kritisieren immer wieder, dass bereits um Jugendliche mit sehr hohen Ablösesummen und Handgeldern gekämpft wird.
Bierofka: Das sehe ich sehr kritisch. Man setzt die Jungs damit unter einen hohen künstlichen Druck. Sie wissen, dass sie ein gewisses Geld gekostet haben und deswegen von ihnen einiges erwartet wird. Sie müssen sofort performen und verlieren dadurch ein Stück Freiheit. In Haching können sich die Jungs ruhiger entwickeln, weil wir eine gute Balance haben. Einerseits fordern wir sie natürlich, andererseits vermitteln wir auch dem Spaß am Fußball. Wenn alle mit einem Rucksack rumlaufen, wird das nichts.

Die Regionalliga-Herren der Spvgg sind gut in die Saison gestartet, werden als Meisterschaftsfavorit gehandelt. Wie wichtig ist der Erfolg der Profis für die Jugendmannschaften?
Bierofka: Sehr wichtig. Es wäre wichtig, wenn sie heuer den Aufstieg schaffen würden. Sie müssten leider den Weg über die Relegation gehen. Aber fürs NLZ wäre das enorm wichtig. Wenn du Jungs hochschickst in die erste Mannschaft werden sie noch einmal auf einem ganz anderen Niveau geprüft. Da liegt ein riesiger Unterschied zwischen Regionalliga und 3. Liga. Und auch nach außen wirkt das natürlich noch einmal ganz anders.

Wie ist intensiv ist der Austausch mit Cheftrainer Sandro Wagner?
Bierofka: Wir sprechen nicht täglich, aber wenn wir uns treffen, unterhalten wir uns ausführlich. Sandro ist ein sehr kommunikativer Typ, wir verstehen uns sehr gut. Ich kann ihn bestmöglich dadurch unterstützen, dass ich die Jungs gut ausbilde und resistent mache. Der Weg ist in Haching so kurz, das sieht man am Beispiel Maurice Krattenmacher (16 Jahre alt, Anm. d. Red.). Der hat vor ein paar Wochen noch U17 gespielt und ist gegen Heimstetten in der Regionalliga eingewechselt worden. Daran sieht man, wie schnell es gehen kann. Deswegen muss ich meine Spieler so schnell wie möglich an die Belastung im Herrenfußball heranführen.

Zermürbende Zeit bei 1860: „Es hing das Damoklesschwert Insolvenz über uns“



Stichwort Belastung: Die war für Sie bei Ihren vorherigen Trainerstationen durchgehend hoch. Sechzig haben Sie als Interimstrainer 2016 in der 2. Bundesliga gehalten, ein Jahr später haben Sie den TSV nach dem Doppelabstieg als Chefcoach übernommen. In Innsbruck war es ähnlich turbulent. Haben Sie diese Erfahrungen gelassener gemacht?
Bierofka: Ich habe auch als Spieler schon viel erlebt und mit jeder Erfahrung wächst du – als Trainer und als Persönlichkeit. Meine erste brutale Erfahrung war die, als ich die Mannschaft vier Spieltage vor Saisonende in der 2. Liga von Benno Möhlmann übernommen habe. Ich wusste, ich muss drei von vier Spielen gewinnen, damit wir drinbleiben.

Was gelungen ist.
Bierofka: Die zweite extreme Erfahrung war dann der Doppelabstieg von der 2. in die 4. Liga, als niemand gewusst hat, wie und ob es überhaupt weitergeht. In Innsbruck war es dahingehend eine extreme Erfahrung, dass wir innerhalb eines Jahres drei Investoren hatten und… (zuckt mit den Schultern) keiner davon gezahlt hat (lacht).

Wie blicken Sie denn allgemein auf Ihre Zeit bei Sechzig zurück. Es gab nach der sofortigen Rückkehr einen regelrechten Personenkult um Sie. Die Fans skandier-ten „Ohne Biero wär’n wir gar nicht hier“. Ist das für Sie irgendwann zur Last geworden?
Bierofka: Ich habe gewusst, dass ich eine temporäre Person im Verein bin, die ihm helfen will. Es war ja niemand mehr da. Wer hätte es denn machen sollen? Dann habe ich gesagt: Ich übernehme ich die Verantwortung. Natürlich war es im ersten Jahr ein großer Druck. Es hing das Damoklesschwert Insolvenz über uns. Wir wussten nicht, wie es werden würde, wenn wir nicht gleich im ersten Jahr wieder aufsteigen. Kommen immer noch so viele Leute ins Stadion? Das war ein extremer Druck. Im zweiten Jahr habe ich dann parallel zum Spielbetrieb in der 3. Liga meinen Fußballlehrer gemacht, war kaum noch da. Klar spürt man da irgendwann, dass man mürbe wird. Aber am Ende waren andere Dinge ausschlaggebend, wieso ich hingeworfen habe.

Was ist vorgefallen im Herbst 2019?
Bierofka: Darüber brauchen wir heute nicht mehr reden, das ist fast drei Jahre her und Vergangenheit. Ich kann damit gut leben.

Wie lange haben Sie danach gebraucht, um das Kapitel 1860 für sich abzuhaken?
Bierofka: Es hat bestimmt drei bis vier Monate gedauert, um das zu verarbeiten. Mit dem Moment, als ich bei Innsbruck angefangen habe, war das Kapitel für mich abgeschlossen.

Und jetzt können Sie die Löwen als Sympathisant verfolgen?
Bierofka: Ich kann das für mich klar trennen. Das Eine sind handelnde Personen, das Andere ist der Verein, an dem ich 15 Jahre aktiv mitgewirkt habe. Wenn ich die Zeit meines Vaters (Willi Bierofka war Spieler und Trainer bei 1860, Anm. d. Red.) einrechne, waren es wahrscheinlich 25 Jahre, in denen wir als Spieler und Trainer aktiv bei diesem Verein waren. Entsprechend wird die Familie Bierofka immer mitfiebern.

Was trauen Sie den Löwen in dieser Saison zu? Nach zwei 4. Plätzen gelten sie als einer der Topfavoriten auf den Aufstieg in die 2. Bundesliga.
Bierofka: Wenn sie die Defensive stabilisieren können, traue ich ihnen viel zu. Ich hoffe, dass sie die Relegation vermeiden können und direkt aufsteigen. Mit den Neuverpflichtungen und dem Budget, das sie mittlerweile haben, ist der große Wurf drin.

Für Sie geht es mit der U17 der Spvgg Unterhaching am 14. August gegen Hoffenheim in der B-Junioren-Bundesliga Süd los. Im vergangenen Jahr war die Spvgg starker Zweiter. Was geht heuer?
Bierofka: Das Gute ist, dass die Leute das realistisch einschätzen können. Es war ein extrem guter Jahrgang, wir versuchen diesen Weg weiterzugehen. Normalerweise ist es völlig illusorisch, über Platz zwei zu reden. Wenn die anderen Vereine wie Bayern, Stuttgart oder Hoffenheim viel richtig machen, hast du kaum die Möglichkeit, da vorne reinzugrätschen. Aber ich traue meiner Mannschaft die eine oder andere Überraschung zu.