2400 Fans bei Testspiel

Fan-Wahnsinn in der Regionalliga: Kickender Influencer löst Spielabbruch aus

18.07.2022 | Stand 18.07.2022, 16:28 Uhr

Spielt im Internet Champions League: Herthas Nader El-Jindaoui. −Foto: Gora, dpa

Nader El-Jindaoui hatte keine Chance, als die Generation TikTok den Social-Media-Star verschluckte wie eine Welle einen unachtsamen Surfer. Völlig euphorisch stürmten am Samstagnachmittag Hunderte Kinder und Jugendliche kurz vor Spielschluss den Rasen des Amateurstadions von Hertha BSC, um ein Selfie mit dem Influencer zu ergattern. Der Schiedsrichter kapitulierte und pfiff nicht mehr an.

Offiziell lief noch die 90. Minute des Testspiels der U23-Mannschaft der Herthaner gegen Tasmania Berlin, aber an Fußball war nicht mehr zu denken – nicht mit so vielen Anhängern auf der Jagd nach Futter für ihren Instagram-Account. Stolze 2347 Zuschauer waren gekommen, nachdem Hertha-Zugang El-Jindaoui auf seinen Kanälen jedem ein Autogramm und Foto versprochen hatte, der das Spiel mit einem Trikot mit seinem Namen und der Nummer 37 besucht.

2347 Zuschauer bei einem Testspiel zwischen einem Viert- und einem Fünftligisten – das ist sogar im Verrücktheiten gewohnten Berlin eine besondere Sache. In der Regionalliga waren es zuletzt im Schnitt 400. Auch El-Jindaoui war von der Begeisterungsfähigkeit seiner Fans überrascht. „Was war das für ein Tag, ich komm einfach nicht klar. Dieses Gefühl, euch alle zu sehen – ich hatte die ganze Zeit Gänsehaut“, sagte der Stürmer, der diesen Sommer vom Berliner AK zu Herthas Zweitvertretung gewechselt war, am Abend in einer Instagram-Story.

Auch wenn auf dem Rasen Regionalliga die Realität ist, spielt der 25-Jährige im Internet Champions League. El-Jindaoui hat 1,2 Millionen Abonnenten auf YouTube, 1,6 Millionen Follower bei Instagram und lässt dort seine Fans an seinem Leben mit seiner Familie teilnehmen. Schon beim BAK waren seine „Jindaouis“, wie er seine Fans nennt, in Scharen gekommen, um ihn zu treffen. Zum Vergleich: Der Hertha folgen gerade einmal 73400 Fans auf YouTube und 245000 auf Instagram. Nach seinem Wechsel zu Hertha brach zeitweise der Online-Trikotshop zusammen.

Insofern sind die Geschehnisse vom Samstag wohl doch nicht so überraschend. El-Jindaoui, so sagte er, sei „ein bisschen traurig“, dass das Spiel abgebrochen wurde, es hätten sich zwar „99 Prozent benommen. Aber es müssen sich alle benehmen, damit auch alle ihre Fotos bekommen. Ich war bereit, bis morgen Früh dazustehen.“ Die Hertha will sich künftig besser wappnen. „Wir werden die Entwicklung beobachten und entsprechend darauf reagieren“, sagte Geschäftsführer Fredi Bobic am Sonntag. „Zum Beispiel mit einer erhöhten Anzahl an Ordnungspersonal, denn natürlich steht bei aller Begeisterung der reibungslose Ablauf des Spielbetriebs im Vordergrund.“

− sid/dpa