Interview mit Geschäftsführer

„Drücke jetzt als Fan die Daumen“: Ex-Jahn-Macher Christian Keller über seine neue Aufgabe in Köln

12.06.2022 | Stand 18.07.2022, 15:58 Uhr
Felix Kronawitter

Seit April Geschäftsführer beim 1. FC Köln: Christian Keller verließ den SSV Jahn Regensburg im vergangenen Herbst nach acht erfolgreichen Jahren, in denen die Oberpfälzer sich vom maroden Regionalligisten zum stabilen Zweitligisten entwickelten. −Foto: Bucco/imago images

Von Felix Kronawitter

Der ehemalige Geschäftsführer des SSV Jahn Regensburg Christian Keller (43) spricht im Interview über das bevorstehende Wiedersehen im DFB-Pokal, den Absturz des Jahn nach seinem Abschied – und was ihn an seiner neuen Aufgabe beim 1. FC Köln reizt.

Herr Keller, wie breit war Ihr Grinsen, als der 1. FC Köln dem Jahn im DFB-Pokal zugelost wurde?
Christian Keller: Tatsächlich war es anfangs gar kein Grinsen. Der erste Gedanke war: Oh Mann, dieses Los hätte nicht sein müssen. Ich will, dass der Jahn möglichst weit kommt und auch der FC. In der Konstellation kann ich nicht für den Jahn sein, auch wenn mein Herz noch daran hängt. Auf der anderen Seite freue ich mich natürlich darauf, alte Wegbegleiter wieder zu sehen.

Es hätte sicher Aufgaben mit einer deutlich geringeren Blamage-Gefahr gegeben.
Keller: Nominell ist der Jahn das härteste Los im Topf. Ich weiß wie schwierig es für Auswärtsmannschaften sein kann im Jahnstadion erfolgreich zu sein. Das ist keine Aufgabe, die im Vorbeigehen erledigt wird.

Wie intensiv ist der Kontakt noch zu ehemaligen Weggefährten aus Regensburg?
Keller: Der ist je nach Akteur mitunter noch sehr intensiv. Zu Mersad, aber auch zur Geschäftsleitung um Philipp Hausner, Simon Leser oder Roger Stilz.

Was vermissen Sie am meisten an Regensburg?
Keller: Die Menschen, die ich über die Jahre hinweg liebgewonnen habe.

Wie intensiv verfolgen Sie Ihren Ex-Klub noch?
Keller: Ich habe mir bis ich selber wieder beruflich tätig war, alle Spiele angeschaut, wenn ich konnte. In Südafrika habe ich eineinhalb Spiele verpasst. Ich drücke jetzt als Fan die Daumen.

„Es gibt keine Alternative zum Optimismus“

In Regensburg trauern Ihnen viele hinterher. Nach ihrem Abschied ging es punktetechnisch rapide bergab. Das kann doch kein Zufall sein.
Keller: Ich denke, dass beim Jahn alle wissen, dass die Mannschaft, die man in der abgelaufenen Saison hatte, der bestbesetzte Kader seit langem war. Damit hätte man mehr erreichen können als den 15. Platz. Das ist den Akteuren aber bewusst. Daraus müssen sie jetzt die richtigen Schlüsse ziehen.

Jetzt ist Ihr Nachfolger Roger Stilz gefordert, den Umbruch zu managen. Manch Anhänger befürchtet ein verflixtes sechstes Jahr. Sind Sie optimistischer?
Keller: Ich habe meine Grundhaltung nicht verändert. Das Glas ist immer halbvoll, es gibt keine Alternative zum Optimismus. Der Jahn kann es sich zutrauen, dass er auch die kommende Saison wieder gut bestehen wird. Klar ist, dass die Abgänge gut ersetzt werden müssen. Daran wird fleißig gearbeitet. Es sind bereits gute Spieler verpflichtet worden. Es gilt, sich auf allen Ebenen als starkes Kollektiv zu präsentieren. Und sich auf die Spielidee zu besinnen. Dann bin ich guter Dinge.

Bei Ihrer Vorstellung haben Sie gestrahlt und blendend erholt gewirkt. Wie wichtig war die Pause nach achteinhalb kräftezehrenden Jahren beim Jahn?
Keller: Ich wollte die Pause machen, weil ich Abstand zum Jahn haben wollte, um offen zu sein für meine neue Aufgabe. Die Pause hat mir aber sicherlich auch körperlich und mental gutgetan.

Ihr Einstand beim neuen Klub ist sehr gut gelaufen. Köln spielt in der kommenden Saison international. Wie groß ist die Vorfreude darauf?
Keller: Mein Beitrag zum sportlichen Abschneiden war bis dato überschaubar (lacht). Die Vorfreude auf Europa ist groß. Für fast alle der beteiligten Akteure ist es etwas neues, international spielen zu dürfen. Die Bundesliga bleibt aber unsere Kernaufgabe.

Wie kommen Sie mit Steffen Baumgart zurecht? Ähnlich gut wie zuvor mit Mersad Selimbegovic beim Jahn? Das sind ja doch etwas unterschiedliche Typen.
Keller: Man darf Steffen nicht nur daran festmachen, wie er nach außen wirkt, wo er sehr emotional auftritt. Er ist abseits des Platzes ein ruhiger, reflektierter und bodenständiger Typ, mit dem man sehr gut zusammenarbeiten kann.

„Wie beim Einkaufen sind manch gute Sachen ab und an auch weiter unten im Regal zu finden. Stichwort Entwicklungsklub.“

Was sind die größten Unterschiede im Vergleich zu ihrem Job beim Jahn?
Keller: Grundsätzlich funktioniert Fußballklub-Management in der 1. Bundesliga nicht anders als in der 2. Bundesliga. Beim FC ist aber alles mindestens eine Nummer größer als beim Jahn.

Köln werde aufgrund finanzieller Probleme „in den nächsten Jahren eher ein Entwicklungsklub sein“, haben Sie in einem Interview gesagt. Ist das genau das, was Sie an der Aufgabe gereizt hat?
Keller: Ich wusste, dass der FC trotz seiner Größe und Strahlkraft derzeit einen finanzwirtschaftlichen und strukturellen Sanierungsfall darstellt. Diese schwierige Ausgangssituation ist Teil der Herausforderung. Dazu kommen das sehr emotionale öffentlich-mediale Umfeld sowie die recht komplexe FC-Organstruktur. Das alles reizt mich. Ich will schauen, ob man auch bei einem solch großen Traditionsklub mit werte- und prinzipienorientiertem Management etwas bewegen kann.

Dennoch haben Sie nun anderen Möglichkeiten als in Regensburg. Wie sehr freut es Sie, dass Sie jetzt nicht mehr wie zuvor beim Jahn immer ins untere Regal greifen müssen?
Keller: Ich habe ein anderes Liga-Regal, kann trotzdem keine nationalen oder internationalen Topspieler verpflichten, weil wir uns die aktuell nicht leisten können. Wie beim Einkaufen sind manch gute Sachen aber ab und an auch weiter unten im Regal zu finden. Stichwort Entwicklungsklub. Das eint meine Aufgabe beim FC mit der beim Jahn. Wir werden auch eher entwicklungsfähige Spieler mit Potenzial holen, die noch nicht konsequent nachgewiesen haben, dass sie richtig gutes Erstliga-Format haben. Dennoch hantiere ich jetzt natürlich mit anderen Summen.