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10.02.2019 | 07:30 Uhr

Klaus Fischer, wie wurde man vor 50 Jahren Profi? "Musste warten, bis ich ein Fahrrad bekomme"

von Alexander Augustin

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50 Jahre ist dieses Foto alt. Klaus Fischers Stern ging bei 1860 auf. Er ist noch immer der zweitbeste Bundesliga-Schütze (268 Tore). −Fotos: imago

50 Jahre ist dieses Foto alt. Klaus Fischers Stern ging bei 1860 auf. Er ist noch immer der zweitbeste Bundesliga-Schütze (268 Tore). −Fotos: imago

50 Jahre ist dieses Foto alt. Klaus Fischers Stern ging bei 1860 auf. Er ist noch immer der zweitbeste Bundesliga-Schütze (268 Tore). −Fotos: imago


Nur 3,5 Prozent aller Fußball-Talente der großen deutschen Klubs schaffen heute den Durchbruch. In Teil 7 unserer Serie erzählt Sturm-Legende Klaus Fischer (69), wie man vor 50 Jahren Profi wurde – und was die heutige Generation von der damaligen unterscheidet.

Herr Fischer, Sie leben seit Jahrzehnten in Gelsenkirchen. Ihre Karriere startete aber in Kreuzstraßl, in der Gemeinde Lindberg bei Zwiesel. Wie kamen Sie denn damals zum Fußball?

Klaus Fischer: Das ist 60 Jahre her, das muss man sich mal vorstellen. Wir waren Straßenfußballer, einen Platz gab es nicht, also ging es auf die Straße oder die Wiese. Erst mit 11 bin ich dann zum SC Zwiesel gekommen.

Das ist spät.

Fischer: Vorher hatte ich keine Möglichkeit, nach Zwiesel zu kommen. Es gab keinen Bus, ein Auto hatten wir auch nicht. Also habe ich warten müssen, bis ich ein Fahrrad geschenkt bekomme. Mit 11 war es dann soweit. Ein Cousin hatte zu der Zeit schon in Zwiesel gespielt. Also habe ich mich angemeldet und bin gleich in die Schülermannschaft gekommen. Die Anlagen waren ja da. Es ging dann noch darum, auf welcher Position ich spiele. Ich wurde Mittelstürmer und bin dort geblieben. Ich habe diese Position geliebt.

Sie haben in Zwiesel gleich auf sich aufmerksam gemacht.

Fischer: Wir sind damals sogar niederbayerischer Meister geworden. Wir haben immer gegen Vereine aus größeren Städten gespielt – Straubing, Passau, Landshut. Es gab dann irgendwann Sichtungen für die bayerische Jugendauswahl und ich war dabei, weil ich in Zwiesel teilweise 60, 70 Tore pro Saison gemacht habe.

Wurde damals schon gescoutet?

Fischer: Ich denke schon, dass Vertreter der großen Klubs bei den Auswahl-Spielen zugeschaut haben. Mit 17 hatte ich gleich Angebote zum Probetraining: von Mönchengladbach und Sechzig München. Damals habe ich bei Zwiesel schon in der ersten Mannschaft gespielt und habe 30 Tore geschossen. Wir sind dann in die Landesliga aufgestiegen, die damals die vierte Liga war. In Gladbach sagten sie mir, ich sei körperlich noch zu schwach. Bei Sechzig wollten sie mich sofort, also bin ich dahin gewechselt.

Immer noch ballfertig: Fischer 2016 bei der Schalke-Traditionself.

Immer noch ballfertig: Fischer 2016 bei der Schalke-Traditionself.

Immer noch ballfertig: Fischer 2016 bei der Schalke-Traditionself.


Haben Sie zu dem Zeitpunkt geglaubt, dass Sie sich im Profifußball durchsetzen können?

Fischer: Ich wollte unbedingt Bundesliga-Spieler werden. Das war mein Ziel. Dafür habe ich auf viel verzichtet. Meine Freunde sind abends weggegangen, ich ins Bett, weil wir am nächsten Tag ein Spiel hatten. Und wenn du dann so viele Tore machst, bleibt das keinem verborgen, sogar im Bayerischen Wald nicht, in den damals eigentlich kein Mensch rein kam.

Sie haben damals parallel eine Ausbildung zum Glasbläser gemacht. Wäre das der Plan B zum Fußball gewesen?

Fischer: So viele Alternativen gab es da bei uns ja nicht. Du bist entweder in die Fabrik gegangen oder Glasbläser geworden. Als ich zur Schule gegangen bin, wurden vier Klassen in einem Raum unterrichtet. Was hätte man da schon lernen können? Meine Brüder waren auch Glasbläser, also habe ich das auch gelernt. Aber gern habe ich das nicht gemacht. Aber ja, wahrscheinlich wäre ich Glasbläser geblieben.

Als das Angebot von 1860 kam, haben Sie alles auf eine Karte gesetzt?

Fischer: Genau. Und es ging dann ja auch gut. Ich kam gleich zum Zug. Im zweiten Jahr habe ich 19 Tore gemacht, war drittbester Torschütze der Bundesliga. Leider sind wir abgestiegen. Dann kamen Anfragen.

Vormittags Bundeswehr, nachmittags Training

Unter anderem von Schalke, wo Sie dann auch hingewechselt sind. Wie war denn damals der Start dort?

Fischer: Am Anfang war es schon schwierig. Ich war erstmal bei der Bundeswehr und konnte nur nachmittags trainieren. Vormittag musste ich Dienst schieben. Es lief dann aber doch sehr gut. Wir hatten eine super Mannschaft. Ich war ja damals vorher schon zwei Jahre in München und von Zuhause weg. Für meine Frau (Margit, Anm. d. Red.) war es schwieriger. Wir waren frisch verheiratet, als wir in das Abenteuer Ruhrgebiet gestartet sind.

Hatten Sie Heimweh?

Fischer: Heimweh hatte ich, als ich mit 16 auf Lehrgang mit der Bayernauswahl war. In Gelsenkirchen habe ich schnell Freunde gefunden. Zweimal im Jahr sind wir heimgefahren, um die Familie zu besuchen. Mir hat auch die Mentalität hier gepasst, die Leute sind offensiver als in Bayern. Und wenn du Tore schießt, gerade auf Schalke, dann himmeln sie dich an. Wir haben uns sehr wohl gefühlt und tun das immer noch.

In 20 Profi-Jahren waren Sie bei vier Vereinen. Neben Sechzig und Schalke noch bei Köln und Bochum. Heute wechseln Spieler teils jährlich den Verein. Verdirbt der Fußball seine Protagonisten?

Fischer: Ja, logisch. Wir haben damals bei Sechzig quasi mit Pfennigen angefangen. Am Anfang habe ich 800 Mark verdient. Kein Vergleich zu dem, was heute los ist. Oft sind die Berater das Problem. Die sehen nur das Geld. Wichtig ist doch, dass junge Leute spielen, um sich weiterzuentwickeln. Ein Max Meyer hat bei Schalke 5,5 Millionen Euro im Jahr verdient, war akzeptiert, hat Stamm gespielt. Aber da drängen die Berater auf einen Wechsel, weil sie Handgeld bekommen.

Wie lässt sich dem beikommen?

Fischer: Gar nicht. Als Rummenigge nach Italien gewechselt ist (1984 für zehn Millionen zu Inter Mailand, Anm. d. Red.), hat man auch gesagt: Jetzt ist aber Schluss. Die Entwicklung geht immer weiter und der Markt gibt es her.

Die heutige Generation ist eine "Wohlfühlgeneration"

Nur 3,5 Prozent aller großen Talente schaffen am Ende den Durchbruch. Überrascht Sie das?

Fischer: Überhaupt nicht. Die heutige Jugend hat ja ganz andere Möglichkeiten als wir. Wenn ich durch Gelsenkirchen fahre, sehe ich keinen mehr draußen spielen. Bei uns ist immer Fußball gespielt worden. Und noch etwas: Die Jungs können nicht mehr frei spielen, sie werden schon früh in ein System gedrängt.

Sie vermissen also den Mut, auch Freigeister zu fördern?

Fischer: Es gibt einen Jungen, der spielt in einem kleineren Verein, noch nicht bei Schalke, aber der hat alles. So ein Talent habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Jetzt wenn der einmal alleine durchgeht und hängen bleibt, dann wird der Trainer sauer und die Eltern der anderen Spieler auch: Wieso spielt der nicht ab? Und der Trainer lässt sich verleiten und wechselt ihn aus. Da kann es im schlimmsten Fall sein, dass du den Spieler verlierst. Ein Trainer muss die Stärke eines Spielers erkennen und fördern.

Sie haben als Botschafter von Schalke 04 Einblick bei einem Bundesligaverein. Tut der Klub genug, um Spieler auf das Leben nach den Fußball vorzubereiten?

Fischer: Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich sage immer: Jungs, es ist doch so einfach! Du musst viel trainieren, Gas geben im Spiel und dem Gegner zeigen, wo der Hammer hängt. Aber bei vielen kannst du reden, wie du willst. Es ist eine andere Generation, eine Wohlfühlgeneration.

Hier lesen Sie

Teil 1: Bayerwäldler Lukas Mühl: Mit Bescheidenheit in die Bundesliga.

Teil 2: Training mit Neuer, Spiele gegen Schalding: Christian Früchtl, der Pendler zwischen den Welten.

Teil 3: Wenn der Ausstieg zum Aufstieg wird: Mario Enzesberger und die wirren Wege einer Karriere.

Teil 4: Im Bayerwald gereift, von Tuchel entdeckt – Stephan Hains ungewöhnlicher Weg in den Profifußball.

Teil 5: Das Kreuz mit dem Knie: Ex-Profi Martin Giermeier – mit 27 Jahren ist Schluss mit Fußball.

Teil 6: Warum schaffen es so wenige Talente? Bayern-II-Coach Holger Seitz im Interview












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