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09.07.2018 | 12:00 Uhr

Das Debakel nach dem Desaster: Der DFB und sein miserabeles Krisenmanagement

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Vorgeprescht, dann zurückgerudert: Oliver Bierhoff, Teammanager der National-Elf. − Fotos: Charisius/Thissen/Fassbender/dpa

Vorgeprescht, dann zurückgerudert: Oliver Bierhoff, Teammanager der National-Elf. − Fotos: Charisius/Thissen/Fassbender/dpa

Vorgeprescht, dann zurückgerudert: Oliver Bierhoff, Teammanager der National-Elf. − Fotos: Charisius/Thissen/Fassbender/dpa


Die Aufarbeitung des WM-Desasters wird zum nächsten Debakel: Während der angeschlagene Joachim Löw abgetaucht ist, verheddern sich Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Boss Reinhard Grindel in der Dauerdebatte um Mesut Özil. Die Krisenmanager des deutschen Fußballs bekommen auch nach dem blamablen WM-Aus die Erdogan-Affäre einfach nicht in den Griff. Statt an Bierhoffs Befähigung als Architekt für den Neuaufbau der Nationalmannschaft nach dessen umstrittener Interview-Offensive zu zweifeln, fokussiert sich Grindel selbst auf die Personalie Özil und macht die Zukunft des seit Wochen schweigenden Nationalspielers von klaren öffentlichen Bekenntnissen des Weltmeisters mit türkischen Wurzeln abhängig.

Eine Erklärung über die offiziellen Verbandskanäle hielt Grindel nach dem medialen Schlingerkurs Bierhoffs in der Causa Özil nicht für notwendig. Dafür machte er am Sonntag im "Kicker"-Interview seine Vorstellungen für den Ablauf der Aufarbeitung deutlich. "Es stimmt, dass sich Mesut bisher nicht geäußert hat. Das hat viele Fans enttäuscht, weil sie Fragen haben und eine Antwort erwarten. Diese Antwort erwarten sie zu Recht. Deshalb ist für mich völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte", sagte Grindel.

DFB-Präsident Reinhard Grindel ist der Meinung, dass der DFB fair mit Mesut Özil umgeht. Und fordert den Spieler auf, zu reden.

DFB-Präsident Reinhard Grindel ist der Meinung, dass der DFB fair mit Mesut Özil umgeht. Und fordert den Spieler auf, zu reden.

DFB-Präsident Reinhard Grindel ist der Meinung, dass der DFB fair mit Mesut Özil umgeht. Und fordert den Spieler auf, zu reden.


Der Verbandschef forcierte damit nach dem Bierhoff-Interview in der "Welt" erneut den Eindruck, dass Özil zum WM-Buhmann gemacht werden könnte. "Daneben müssen wir die sportliche Analyse abwarten und schauen, ob Joachim Löw weiter mit ihm plant", sagte der DFB-Chef und bezeichnete dieses Vorgehen noch als fairen Umgang – "mit einem verdienten Nationalspieler, der einen Fehler gemacht hat".

Özil hatte seit dem Erscheinen der umstrittenen Aufnahmen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan Mitte Mai, im Gegensatz zu seinem Teamkollegen Ilkay Gündogan, keine öffentliche Stellungnahme abgegeben und war dafür mehrfach hart kritisiert worden. Am Wochenende veröffentliche der 92-malige Nationalspieler erneut ein Urlaubsfoto bei Twitter und schrieb dazu auf Englisch: "Hab Vertrauen und danke Gott für all die Segnungen".

Möglicherweise spekuliert man beim DFB auf eine Fortsetzung des Özil-Schweigens zum politischen Thema. Somit wäre sein Nationalmannschafts-Aus unvermeidbar und eine erste – viele Fans befriedigende – WM-Konsequenz gezogen. Weiter ist offen, was genau Bierhoff und Löw strukturell und vor allem personell ändern wollen, um die gescheiterte Vier-Sterne-Auswahl bis zum Start der Nationenliga im September wieder auf Kurs zu bringen; erst recht, was die eigene Arbeit betrifft. Für Löw wird der Umgang mit Özil, aber auch den anderen 2014-Champions von Sami Khedira bis Thomas Müller zum Lakmus-Test der Reformfähigkeit.

Eine sachliche Bewertung des historischen WM-Scheiterns bleibt bislang aus.: Joachim Löw schweigt, Oliver Bierhoff nährt Zweifel daran, der Richtige für den Umbruch zu sein. Immerhin äußerte der – in die Defensive gedrängt – in einem ZDF-Interview so deutlich wie nie seine und Löws Mitschuld an der Sommer-Pleite.

In der brisanten Causa Özil ruderte Bierhoff schnell zurück und sprach von Missverständnissen und Fehlinterpretationen, nachdem er zuvor geäußert hatte, man hätte über die WM-Nominierung des Arsenal-Profis in sportlicher Hinsicht doch nachdenken müssen. Grindel forderte als Reaktion auf den Bierhoff-Zick-Zack ein "kluges Krisenmanagement". Man müsse "kühlen Kopf bewahren und nicht jedem Druck nachgeben".

Grund für Kritik an Bierhoff, der das WM-Debakel in den kommenden Wochen mit Löw aufarbeiten soll, sieht Grindel aber offenbar nicht. "Oliver Bierhoff hat sehr deutlich gemacht, dass er sich hier missverstanden fühlt. Und dass es in keiner Weise seine Absicht war, einen Spieler öffentlich für das Scheitern bei der WM verantwortlich zu machen", sagte Grindel. Der am Wochenende wieder nach Russland reiste, um für die deutsche EM-Bewerbung 2024 auf dem Funktionärsparkett Klinken zu putzen. Eine Wahlniederlage im September gegen die Türkei wäre der nächste herbe Nackenschlag für Fußball-Deutschland.

Ob die erwartete Analyse zum radikalen Schluss führen könnte, dass Bierhoff oder Löw oder sogar beide ihre Posten räumen könnten, darf bezweifelt werden. Die Kraft und Entschlossenheit, "die notwendigen Schritte einzuleiten" attestierte sich Bierhoff selbst. Beim Thema Kommerz und Entfremdung von den Fans wehrt sich Marketing-Experte Bierhoff weiter vehement gegen die Fundamentalkritik an einer angeblich übertriebenen Selbstinszenierung der gestürzten Weltmeister.

Die Mannschaft habe nicht wegen der Aktionen oder des umstrittenen Labels #zsmmn schlecht gespielt. Früher habe man sich des Vorwurfs erwehren müssen, man sei zu "bräsig", nun werde Kritik an einer Überinszenierung laut, sagte Bierhoff. "Jetzt ist es eine Entfremdung, mit einer Fanhansa zu fliegen, 2014 war es der Siegerflieger, der bei allen Gänsehaut entwickelt hat." Die Kritik nehme er an. Nach grundsätzlicher Überzeugung von weitreichenden Veränderungen klang das aber nicht. − dpa












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