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25.12.2019 | 08:00 Uhr

Bayerns Nachwuchs-Chef Seitz: Über Davies, Fehler in der Talentausbildung und zu viel Taktiktraining

von Andreas Lakota

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Holger Seitz öffnete für die PNP die Tür zum Campus, an dem die Münchner ihre Nachwuchstalente zu Profis machen wollen. Die Fans warten schon lange auf den neuen Thomas Müller. −Fotos: Andreas Lakota

Holger Seitz öffnete für die PNP die Tür zum Campus, an dem die Münchner ihre Nachwuchstalente zu Profis machen wollen. Die Fans warten schon lange auf den neuen Thomas Müller. −Fotos: Andreas Lakota

Holger Seitz öffnete für die PNP die Tür zum Campus, an dem die Münchner ihre Nachwuchstalente zu Profis machen wollen. Die Fans warten schon lange auf den neuen Thomas Müller. −Fotos: Andreas Lakota


70 Millionen Euro hat der FC Bayern vor zwei Jahren in seinen Campus investiert, hier wollen die Münchner die FußballStars von morgen entwickeln. Und ein Niederbayer gibt dabei die Richtung vor: Holger Seitz, 45, arbeitet seit einem halben Jahr in der Sportlichen Leitung des Nachwuchszentrums. Für die Heimatzeitung hat der Malchinger (Landkreis Passau) die Tür zum Campus geöffnet. Im Interview spricht der frühere U17- U19 und U23-Coach der Bayern über Fehler in der Talentausbildung, zu viel Taktiktraining und den neuen Shootingstar Alphonso Davies.

Herr Seitz, Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge hat jüngst versprochen, dass in den nächsten zwei Jahren Spieler aus dem Campus bei den Profis durchstarten werden. Eine mutige Aussage.
Holger Seitz: Mit Joshua Zirksee und Sapreet Singh haben kürzlich bereits zwei Spieler ihr Debüt in der Profimannschaft gegeben. Wenn ich unsere Arbeit am Campus sehe und auf unsere ganzen Nachwuchsteams blicke, dann fallen mir noch weitere Spieler ein, die in der Lage sind, irgendwann im Kader unserer Profimannschaft Fuß zu fassen. Von daher ist die Aussage von Karl-Heinz Rummenigge zutreffend.

Und wer schafft den Durchbruch? Joshua Zirkzee vielleicht? Er hat ja mit seinen beiden Toren jüngst für ordentlich Schlagzeilen gesorgt.
Seitz: Wir haben einige Spieler, denen wir zutrauen, auch bei unseren Profis eine gute Rolle spielen zu können. Joshua ist sicher einer davon. Er hat ein sehr gutes Gesamtpakt und stand jetzt zweimal goldrichtig, aufgrund seines Torinstinktes sicher kein Zufall. Klar ist: Er ist aktuell seinem großen Traum einen halben Schritt näher gekommen. Beim U23-Spiel am Sonntag konnte man erneut seine Qualitäten, aber auch sein Verbesserungspotenzial erkennen. Er muss hart arbeiten, das Talent ist der Türöffner und ein bedingungsloser Ehrgeiz sich verbessern zu wollen, macht den Unterschied. Die Bundesliga-Einsätze von ihm zeigen, dass wir vor einiger Zeit die Weichen im Nachwuchs richtig gestellt haben. Auch Leon Dajaku feierte im übrigen sein Bundeliga-Debüt. Deswegen: Ich bin absolut nicht der Meinung, dass man es bei Bayern München nicht schaffen kann. Dieser Ruf eilt uns ja ein bisschen voraus. Aber gerade an Alphonso Davies sieht man doch, was möglich ist, wenn ein junger Spieler seine Chance bekommt.

Was macht Davies so stark?
Seitz: Alphonso hat eine extreme Waffe: Sein Tempo ist eine Sensation. Außerdem ist er Linksfuß. Grundsätzlich braucht ein Spieler beim FC Bayern etwas Besonderes, Durchschnitt reicht nicht. Ein anständiger Charakter und Persönlichkeit sind die Basis. Und auch das ist bei Alphonso absolut für den Leistungssport geeignet.

Warum?
Seitz: Weil er ein gesundes Selbstvertrauen hat, weil er ganz genau weiß, was er kann. Aber er weiß eben auch, dass es Dinge gibt, die er noch verbessern muss. Alphonso hat schon früh in der Nationalmannschaft gespielt und Erfahrungen auf höchstem Niveau gesammelt. Aber er hat auch erfahren müssen, dass im Leben nicht immer nur alles gut verläuft, als seine Familie aus Liberia flüchten musste. Viele extrem schwierige Situationen musste er eigenverantwortlich lösen. Das hat ihn zu einem sehr bodenständigen und lösungsorientierten jungen Menschen reifen lassen – und trotzdem ist Alphonso auf eine positive Art und Weise frech. Auf und außerhalb des Platzes. Wenn man seine Leistungen z.B. im Dortmund-Spiel sieht – das war schon schwer beeindruckend.

Keeper Christian Früchtl könnte der nächste sein, der den Durchbruch schafft.
Seitz: Was Christian schon jetzt geleistet hat, ist beeindruckend. Er hat ja sehr früh seine niederbayerische Heimat verlassen und sich wunderbar als Mensch und Torhüter kontinuierlich entwickelt. Wie Christian beispielsweise mittlerweile die Spieleröffnung angenommen hat und wie souverän er von hinten rausspielt, ist wirklich stark! Die Basis für diese Entwicklung – und da sind wir wieder beim Charakter eines Spielers – ist seine Persönlichkeit. Bayerisch bodenständig und trotzdem selbstbewusst, demütig bleiben, zuhören, wenn die Trainer was sagen – anders hätte Christian diese Entwicklung nicht nehmen können. Jetzt werden wir sehen, wie es weitergeht. Ich bin davon überzeugt, dass wir ihn in der Bundesliga sehen werden.

Sie haben den Charakter angesprochen. U17-Coach Miro Klose kritisiert, die jungen Spieler seien heute zu schnell satt, würden oft den bequemen Weg gehen.
Seitz: Leider kann ich das bei dem ein oder anderen auch erkennen, aber ich glaube nicht, dass die Jungs das bewusst machen. Vielmehr ist es doch eine Entwicklung in unserer Gesellschaft, sich zu schnell mit Dingen zufrieden zu geben. Die Jungs und deren Verhalten "spiegeln" uns wider, sind ein Ergebnis. Die meisten Nachwuchsleistungszentren in Deutschland können ihren Spielern heute sehr hohe Standards bieten. Unsere Aufgabe ist es, die Jungs immer wieder zu erden und darauf aufmerksam zu machen, welche perfekten Voraussetzungen sie haben, das Ganze aber mit viel Schweiß verbunden ist. Aber wir dürfen ihnen auch nicht den Spaß und die Freude nehmen.

Besteht denn diese Gefahr?
Seitz: Wir reden in der Ausbildung zu viel über Dinge, die Spieler nicht können. Das ist für junge Fußballer demotivierend. Wir brauchen selbstbewusste Spieler, die wissen, wo sie ihre Stärken haben. Sicher muss auf Fehler hingewiesen werden, aber wir müssen den Spielern auch sagen, wie sie es besser machen können. Noch wertvoller wäre, die Spieler durch gezielte Fragen zur Lösung führen, damit sie verstehen und nicht nur auswendig lernen. Viele Trainer sprechen leider nur das an, was nicht funktioniert, sind sehr negativ angehaucht mit ihrem Coaching. Aber wie sollst du da mit Freude auf den Platz gehen, wenn du nur hörst, was du alles nicht kannst? Spaß und Freude sind meiner Meinung nach Grundvoraussetzung, die "Tür Öffner" für Lernen, daher braucht es unbedingt mehr positives Coaching. Sie müssen spüren, dass wir es gut mit ihnen meinen.

Was läuft noch falsch in der Jugend-Ausbildung?
Seitz: Trainer sollten junge Spieler beispielsweise noch mehr dazu animieren, mutig zu sein. Wir brauchen mutige Spieler, die in der Lage sind, ein Spiel zu entscheiden. Mut hat ja immer mit Grenzsituationen zu tun, also mutig musst du dann sein, wenn eine Situation zum Beispiel 50:50 ist. Wir wollen mehr Dribbler, aber ein Spieler bekommt auf den Deckel, wenn er ins Eins-gegen-Eins geht und hängen bleibt? Das passt nicht zusammen, das ist der falsche Weg. Besser wäre den Spielern Lösungen aufzuzeigen, diese zu trainieren und sie zu ermutigen, es beim nächsten Mal wieder zu versuchen. Auch das Individualtraining muss mehr umgesetzt werden und deutlich über den mannschaftstaktischen Trainingsinhalten stehen.

Viele Experten kritisieren genau das. Taktik würde einen zu großen Stellenwert einnehmen. Deshalb fehlen die Straßenfußballer.
Seitz: Wir legen im Campus sehr viel Wert auf die individuelle Ausbildung, haben das Individualtraining nochmals auf ein neues Level gehoben. Bis zu einem gewissen Altersbereich versuchen wir, so wenig wie möglich über Grundordnung und Mannschaftstaktik zu reden. Weil das den einzelnen Spieler nicht weiterbringt. Vielmehr ist es wichtig, dass sich jeder Spieler seiner persönlichen Stärken und Schwächen bewusst ist. Wir führen mittlerweile mit jedem Nachwuchsspieler regelmäßig Entwicklungsgespräche, in denen wir dem Spieler aufzeigen, was er gut kann – und geben ihm zugleich drei Trainingsschwerpunkte mit auf den Weg, an denen er bewusst zu trainieren hat. Die Jungs bekommen so viele Informationen durch Berater, Eltern, Freunde, da verliert man leicht ein bisschen die Klarheit – daher sind diese Gespräche für alle Beteiligten enorm wichtig.

Und sie werden überall mit taktischen Details konfrontiert.
Seitz: Das stimmt. Wir brauchen ja nur mal ins Fernsehen zu schauen, da geht es bei den Analysen häufig nur darum, dass irgendwelche Magnete fröhlich an der Taktik-Tafel durch die Gegend geschoben werden, anstatt konkret auf die eigentlichen Fehler einzugehen. Wo ist das Detail? Aber da fehlt vielleicht auch vielen das Knowhow. Es ist relativ einfach festzustellen: Oh, diese Taktik ging jetzt nicht auf. Aber zu erkennen, warum eine Flanke nicht funktioniert hat, weil zum Beispiel der Standfuß die falsche Position hatte oder die Körperneigung zu weit hinten war, das bekommen viele nicht hin, weil sie es einfach nicht erkennen. Was ich damit sagen will: Das Fundament sollte eigentlich die Einstellung sein, die Mentalität, die Lernwilligkeit. Und dann geht es in die elementaren Dinge des Fußballs, verschiedene Techniken, Eins-gegen-Eins, offensiv wie defensiv. Das muss gecoacht werden – und nicht dieser ganze mannschaftstaktische Aktionismus in der Jugendausbildung.

Das gesamte Interview und noch mehr Infos über den Bayern-Campus lesen Sie in der Printausgabe der Heimatzeitung, Sportteil.












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