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15.06.2019 | 08:30 Uhr

Oliver Kahn wird 50: Das Leben eines Titanen in Stationen – getrieben, gefallen, gefeiert

von Alexander Augustin

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Debütant: 1987 macht Kahn sein erstes Bundesliga-Spiel für den KSC.

Debütant: 1987 macht Kahn sein erstes Bundesliga-Spiel für den KSC.

Debütant: 1987 macht Kahn sein erstes Bundesliga-Spiel für den KSC.


Getriebener, Gefallener, Gefeierter. Oliver Kahn hat polarisiert. Die einen feierten ihn als größten Torwart seiner Zeit, die anderen hassten ihn für seine wilde, manchmal überehrgeizige Art. "Druck" – das war sein Lieblingswort, wenngleich er stets betonte, dass er selbigen nie spüre. Kahn hat große Erfolge gefeiert, bittere Niederlagen erlebt – und den schweren Übergang ins Leben nach der aktiven Fußball-Karriere gemeistert. Heute wird der gebürtige Karlsruher 50 Jahre alt. Zeit zurückzublicken auf die wichtigsten Stationen eines halben Jahrhunderts "Titan":

27. November 1987
Kahn macht gerade sein Abitur – und reist nebenbei als zweiter Torhüter mit dem Karlsruher SC, seinem Jugendklub, durchs Land. Kahn ist 18, könnte also froh sein, Bundesliga-Luft schnuppern zu dürfen, wenn auch nur von der Bank aus. Ist er aber nicht. Es heißt, der damalige Stammtorhüter Alexander Famulla habe auf Auswärtsfahrten mit Kahn nicht das Zimmer teilen wollen, weil er fürchtete, dass dieser ihm im Schlaf ein Kissen aufs Gesicht drücken würde. Sein damaliger Trainer Winfried Schäfer erzählte dem Magazin "11Freunde" einmal: "Er hatte einen unwahrscheinlich starken Willen. Und er war als Jugendspieler auf dem Platz schon sehr präsent, gab lautstark Kommandos." Und Kahn wird belohnt: Als Famulla am 18. Spieltag eine Sperre absitzen muss, schlägt Kahns Stunde. An einem kalten Herbstabend steht er gegen den 1. FC Köln erstmals in der Bundesliga zwischen den Pfosten – und kassiert vier Stück. Der KSC verliert 0:4. Kahn, blonder Vokuhila, sagt danach: "Für ein Debüt war es einigermaßen."

26. Mai 1999
Ein gutes Jahrzehnt später ist Oliver Kahn längst der beste Torwart des Landes: Er war 1993 Teil des Wunders vom Wildpark, als der KSC den FC Valencia im UEFA-Cup mit 7:0 besiegte. Ein Jahr später ging er zum FC Bayern. 1995 machte er sein erstes Länderspiel. Es sollte der Beginn einer langen Ära in Klub und Nationalmannschaft werden. 1996 wurde er Europameister – als Nummer zwei hinter Andy Köpke. Natürlich wurmt Kahn das. Nun hat er die Möglichkeit, aktiv zu einem ganz großen Titel beizutragen. Mit den Bayern steht er im Champions-League-Finale. Gegen Manchester United. In Barcelona. Die Münchner gehen früh in Führung – und halten diese bis zur Nachspielzeit. Die Auswechselspieler tragen bereits Sieger-Shirts – und erleben eines der größten Dramen der Fußball-Geschichte. Durch zwei Tore in der Nachspielzeit verliert der FC Bayern. Es hätte Kahns größter Abend werden sollen und endete in der bittersten Niederlage seiner Karriere. Im "Focus" erzählt er Jahre später: "1999 hatte ich einen Burn-Out. Mir wurde nach und nach bewusst, dass ich nicht jedes Spiel 100 Prozent geben kann."

23. Mai 2001
Heißt aber nicht, dass Kahn den Ehrgeiz verliert. Es ist die Niederlage von Barcelona, die nicht nur ihn, sondern den ganzen Verein zu Höchstleistungen treibt. Zwei Jahre später stehen die Bayern wieder im Königsklassen-Finale – gegen den FC Valencia. Eine Woche nach dem Herzschlag-Finale der Bundesliga. Die Bayern hatten Schalke in letzter Sekunde die Meisterschaft entrissen. Unvergessen, wie Kahn danach zur Eckfahne rannte und sie wie einen Pokal nach oben reckte. Jetzt soll die Krönung her.

Sportsmann: Kahn tröstet Canizares nach dem Königsklassen-Finale 2001. −Fotos: imago images (2), dpa (2)

Sportsmann: Kahn tröstet Canizares nach dem Königsklassen-Finale 2001. −Fotos: imago images (2), dpa (2)

Sportsmann: Kahn tröstet Canizares nach dem Königsklassen-Finale 2001. −Fotos: imago images (2), dpa (2)


Doch die Bayern schaffen es nicht, in der regulären Spielzeit gegen Außenseiter Valencia alles klar zu machen: Elfmeterschießen – und Kahn wird zum Helden. Er hält drei Elfmeter. Der Ausruf von Kommentator Marcel Reif nach dem letzten Elfmeter wird legendär: "Kahn! Die Bayern!" Der Held jubelt kurz und geht dann zu seinem geschlagenen Kollegen Santiago Cañizares, um ihn zu trösten. Später bekommt er dafür den Fair Play Award. "Ich konnte mich damals sehr gut in ihn hineinversetzen, weil ich das zwei Jahre zuvor auch erlebt hatte", erzählt Kahn später.

30. Juni 2002
Nur ein Jahr spürt Kahn erneut, wie es sich anfühlt, ein großes Finale zu verlieren. Auf Vereinsebene hat er alles gewonnen. Nun hat er die Chance Weltmeister zu werden. Nur ihm hat die spielerisch biedere DFB-Elf es zu verdanken, dass sie in Japan und Südkorea das Finale erreicht. Gegen Brasilien ist Deutschland krasser Außenseiter.

Geschlagener: Oliver Kahn nach dem verlorenen WM-Finale 2002.

Geschlagener: Oliver Kahn nach dem verlorenen WM-Finale 2002.

Geschlagener: Oliver Kahn nach dem verlorenen WM-Finale 2002.


Schon vorher ist klar: Die Völler-Elf wird nur eine Chance haben, wenn Kahn wieder eine Top-Leistung zeigt. Doch ausgerechnet er patzt. Mitte der zweiten Halbzeit lässt er einen harmlosen Schuss abprallen, Ronaldo staubt ab. Deutschland verliert 2:0. Wie Kahn danach auf dem Rasen sitzt, den Rücken an den Pfosten seines Tores gelehnt, ist ein Bild für die Ewigkeit.

17. Mai 2008
Nach 886 Spielen ist Schluss. Von der Nationalmannschaft hat er sich nach dem Streit mit Jürgen Klinsmann vor der Heim-WM schon 2006 verabschiedet. Nun ist auch auf Klub-Ebene Ende. Vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC Berlin verneigt sich ein ganzes Stadion vor dem scheidenden Torwart-Titan. Für den FC Bayern hat er 428 Spiele gemacht, mit ihm hat er acht Meistertitel geholt, sechsmal den DFB-Pokal, die Champions League, den UEFA Cup und den Weltpokal. Kahn war dreimal Welttorhüter. Das sind die nackten Zahlen. Doch Kahns Vermächtnis ist viel größer. Er hat fast zwei Jahrzehnte Bundesliga geprägt – für Skandale gesorgt, für Lacher, für Kopfschütteln, für Jubel. Man hat ihn geliebt oder gehasst. Kahn hat die Bundesliga auch als Unterhaltungsbetrieb in neue Sphären gehoben.

1. Januar 2020
Kahn unterhält auch zwölf Jahre nach seinem Karriereende. Aber nicht so wie damals. Als TV-Experte im ZDF ist er witzig, locker, selbstironisch. Als Geschäftsmann ist er erfolgreich, mit seiner Firma "Goalplay".

Geschäftsmann: Kahn hat den Übergang in die "Fußball-Rente" geschafft

Geschäftsmann: Kahn hat den Übergang in die "Fußball-Rente" geschafft

Geschäftsmann: Kahn hat den Übergang in die "Fußball-Rente" geschafft


Geschäftssinn, Fußball-Sachverstand, starke Rhetorik – beste Voraussetzung also, um eine Funktion in einem Klub zu übernehmen. Läuft alles nach Plan, wird Kahn zum neuen Jahr wieder für den FC Bayern arbeiten. Langfristig soll er Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge beerben und könnte dann abseits des Platzes eine Ära prägen – so wie er es bereits zwischen den Pfosten getan hat.












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