Florian Weißmann im PNP-Interview

Kinderfußball wird radikal verändert: BFV plädiert für neue Ansätze

31.08.2022 | Stand 01.09.2022, 15:53 Uhr

„Schauen Sie sich um, was hier los ist“: Florian Weißmann, Jugendleiter des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV), beim Funino in Eging (Lkr. Passau). −Foto: Alexander Escher

Von Andreas Lakota

Kinder wollen einfach spielen. Das gilt auch und vor allem beim Fußball. Aber wie soll dieses Spielen organisiert werden? Verbandsjugendleiter Florian Weißmann (42) plädiert im Gespräch mit der Passauer Neuen Presse für neue Ansätze.

Getroffen haben wir Weißmann kürzlich beim Sport-Pongratz-Funino-Cup des FC Eging am See mit G-Jugendlichen, also Kinder im Alter zwischen 4 und 7 Jahren. Veranstaltungen wie diese, an der insgesamt elf Vereine teilnehmen, wird es künftig häufiger geben. Ab der Saison 2024/25 wird sich der Kinderfußball in ganz Deutschland radikal verändern. In G- und F-Jugend wird die Spielform drastisch verkleinert, gekickt wird dann nicht mehr im bisher bekannten 7 gegen 7, sondern im 3 gegen 3 und 4 gegen 4. Der Aufschrei war mancherorts groß. „Was hat denn das noch mit Fußball zu tun“, sagen die Kritiker. „Endlich eine altersgerechte Spielform, bei der alle Kinder mitbenommen werden“, halten die Befürworter dagegen.

Zu ihnen zählt Florian Weißmann. Der Jugendleiter des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV) vertritt seit langem die Meinung, dass sich bei den kleinsten Fußballern was ändern muss, damit es bei den älteren Jahrgängen künftig wieder mehr Spieler gibt. Von Turnieren wie dem in Eging, das Weißmann von Beginn bis Ende verfolgt, sieht er sich bestätigt, wie er im Interview mit der Heimatzeitung sagt.
Herr Weißmann, lassen Sie uns über Funino reden.
Florian Weißmann: Lassen sie uns lieber von Kinder- oder Minifußball sprechen. Funino ist leider zu negativ behaftet.
Warum das?
Weißmann: Weil viele glauben, dass künftig bis zur E-Jugend nur mehr Funino gespielt wird, also drei gegen drei auf vier kleine Tore. Das ist aber nicht richtig. Funino ist nur ein kleiner Teil des neuen Kinderfußballs. Denn das Gesamtkonzept sieht eine klare Differenzierung zwischen den Altersklassen G-, F- und E-Jugend vor. Während die Jüngsten im Zwei-gegen-Zwei oder Drei-gegen-Drei auf vier Minitore spielen, gibt es bereits bei der F-Jugend die Möglichkeit, vom Drei-gegen-Drei oder Vier-gegen-Vier auf ein Fünf-gegen-Fünf auf zwei Kleinfeldtore zu wechseln. Optional auch mit Torwart. Gut wäre es, wenn bei der F-Jugend die Kleinfeldtore höhenreduziert sind auf 160 cm oder 165 cm, wie es der Handball schon seit Jahren praktiziert. Bei der E-Jugend geht man dann zum 7 gegen 7 über und spielt auf die normale Torgröße, wie man sie bisher kennt.

„Was ist denn die letzten 30 Jahre besser geworden?“
Spätestens im älteren E-Jugend-Jahrgang, also vor dem Übergang zur D-Jugend, bleibt also alles beim Alten?
Weißmann: Genau. Wachsende Kinder bedeuten wachsende Spielfelder und damit auch eine wachsende Mannschaftszahl. Vielleicht kann man das Ganze mit der Grundschule vergleichen. Die Grundschule gibt jedem die Chance, sich zu entwickeln. Und danach spezialisiere ich mich.
Warum ist überhaupt eine Anpassung der Spielform nötig? Kritiker sagen, es hat doch die letzten Jahre auch sehr gut funktioniert.
Weißmann: Man hört ja immer viel von Tradition. Gerne kommt dabei der Vorwurf: Wenn man den Fußball verändert, macht man den Fußball kaputt. Aber was ist denn die letzten 30 Jahre besser geworden? Die Anzahl der Spieler ist rückläufig, obwohl die Geburtenzahlen seit einigen Jahren wieder ansteigen. Das heißt: Die traditionelle Form muss Kinder nicht zwingend begeistern, zum Fußball zu kommen. Die Einführung neuer Spielformen ist aus meiner Sicht ein überfälliger Schritt, nachdem sich bereits seit vielen Jahren immer mehr Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung unserer Kinder ergeben. Der Fußball lebt sicher von Tradition. Die Gesellschaft – und damit unsere Kinder – wachsen allerdings weitaus weniger mit Tradition auf, das Hier und Jetzt ist schnelllebig genug.

Öffnung für fördernde Spielformen

Vor allem in der Organisationsform gibt es Unterschiede. Keine Liga, keine Tabellen, keine offiziellen Schiedsrichter, keine Torhüter bei den Jüngsten – verlässt der Fußball nicht seine Wurzeln?
Weißmann: Bei den G- und F-Junior*innen ist die Fair-Play-Liga – also Spiele ohne Schiedsrichter*innen und Ligen ohne Tabellen – schon weit verbreitet. Was sind denn die Wurzeln? Die Bundesliga? Die Nationalmannschaft? Oder doch der Straßenfußball? Oder der Kick unter Freund*innen auf dem Dorfplatz? Und wie genau die künftigen Organisationsformen aussehen, ist noch offen. Turniere, Eventtage, ein Form von Ligen – alles ist denkbar. Da setzen wir auch ein bisschen auf Erfahrungswerte.
Worin sehen Sie die Vorteile der neuen Ausrichtung?
Weißmann: Man muss sich doch mal die Frage stellen: Was steht denn eigentlich im Mittelpunkt? Und im Mittelpunkt steht, dass jedes Kind Fußball spielen darf, unabhängig davon, ob das ein Erwachsener gut findet oder nicht, weil das Kind jetzt gerade leistungsmäßig dazu passt oder nicht, denn wir reden vom Kinder- und nicht vom Leistungsfußball. Und was extrem wichtig ist: Jedem Kind soll die Spielmöglichkeit gegeben werden, damit es sich auch entwickeln kann. Das Konzept sieht ja vor, dass die besseren Kinder miteinander spielen und sich auf ihrem Level messen. Und die, die halt noch nicht so weit sind, spielen auch gegen gleichstarke. So bekommen immer alle ihre Einsatzzeit, haben viele Ballkontakte und können sich entsprechend ihrem Leistungsstand weiterentwickeln. Und jedes Kind, das sich weiterentwickeln darf und kann, wird auch in der D- und C-Jugend beim Fußball bleiben. Kinder, die das nicht dürfen, weil wir Erwachsene gesagt haben, du darfst nicht spielen oder du bekommst nur zwei Minuten Einsatzzeit, wird entscheiden, sich vom Fußball zu trennen, sobald es merkt, dass es einfach nicht mehr mitkommt. Und das merken Kinder, denn sie sind ehrlich zu sich selbst. Deutlich ehrlicher als wir Erwachsenen.


Das ganze Interview lesen Sie am Mittwoch, 31. August, im Sportteil der PNP (Online-Kiosk) – oder hier als registrierter Abonnent.