„Rücken ein Stück weit näher an Europa“
Warum der Jetzendorfer Landesliga-Spieler Wlad Beiz die Fußball-EM als Chance für die Ukraine sieht

06.06.2024 | Stand 06.06.2024, 12:35 Uhr |

Landesliga-Kicker unterwegs: Bereits auf der Hinfahrt zum Länderspiel in Nürnberg war bei Wlad Beiz vom TSV Jetzendorf (rechts) und seinem Kumpel Fabian Wagner vom FSV Pfaffenhofen die Vorfreude auf Deutschland gegen Ukraine spürbar. Foto: privat

Mit dem Länderspiel zwischen Deutschland und der Ukraine (0:0) ist die Vorfreude auf die Fußball-Europameisterschaft bei Wlad Beiz angekommen.

In der Brust des Mittelfeldspielers vom Landesligisten TSV Jetzendorf – der früher auch einige Jahre für den frischgebackenen Bezirksliga-Aufsteiger FC Gerolfing aktiv war – schlugen am Montag in Nürnberg zwei Herzen: Der 30-Jährige ist in der Ukraine, dem Heimatland seiner Mutter, geboren. 2005 wanderten seine Eltern mit ihm und seinem jüngeren Bruder Sascha aus Warasch nach Deutschland aus. Sie ließen sich in Pfaffenhofen nieder. „Ich habe beide Nationalhymnen mitgesungen. Die ukrainische mit der Hand auf der Brust“, sagt Beiz.

Der 30-Jährige, der in Scheyern wohnt, war mit seinem Landesliga-Kumpel Fabian Wagner vom FSV Pfaffenhofen im Max-Morlock-Stadion dabei („Wir haben spontan Top-Karten bekommen und waren nur fünf Meter von Bundeskanzler Scholz entfernt“) und erlebte trotz der Nullnummer einen „sehr gelungenen Fußballabend“.

Beiz nimmt in Deutschland große Hilfsbereitschaft wahr

Angetan war der Jetzendorfer Fußballer von der Stimmung: „Man hat merkt, dass die EM vor der Tür steht und schon eine gewisse Euphorie herrscht.“ Bei einem gemischten Mannschaftsfoto („Stehen fest an der Seite der Ukraine“) wurde vor dem Spiel Deutschlands Unterstützung für das kriegsgeplagte osteuropäische Land deutlich. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges spürt Beiz große Hilfsbereitschaft für die Kriegsflüchtlinge. „Die Ukrainer strahlen im Gegenzug eine große Dankbarkeit aus“, sagt Beiz. Entsprechend habe er im Stadion eine „sehr friedvolle“ Atmosphäre wahrgenommen. „Da war kein Platz für Negatives, niemand wurde ausgebuht. Es war ein faires Miteinander.“

Auch aus sportlicher Sicht war Beiz angetan. Auch wenn das der eine oder andere deutsche Fan anders sehen mag, sagt er: „Ich denke, beide Mannschaften können zufrieden sein. Deutschland hat attraktiven Fußball gezeigt und viele Chancen liegengelassen. Die Ukraine hat mit drei Innenverteidigern aber auch gut verteidigt und der für mich derzeit besten Mannschaft Europas ein Remis abgetrotzt.“ Beiz glaubt nicht, dass das Ergebnis der deutschen EM-Euphorie einen Dämpfer versetzt. „Und für die Ukraine war es gut für das Selbstvertrauen. Sie hat gezeigt, dass sie die großen Nationen ärgern kann.“

Die Nationalspieler sind für Beiz „echte Vorbilder“

Ob die EM seine Landsleute zumindest ein bisschen von den großen Sorgen in der Heimat ablenken kann? Beiz beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja: „Die EM ist für die Ukrainer ein schönes Fest, besonders natürlich, wenn die Mannschaft weit kommt.“ Der 30-Jährige hat noch Verwandtschaft im Kriegsgebiet. „Meine Oma lebt in Mykolajiw im Süden. Die Stadt wurde schon beschossen.“ Auch in der Region Donezk leben Verwandte. Zwei seiner Cousins kämpfen sogar an der Front. „Ich habe schon Bilder von Soldaten gesehen, die Fußball schauen. Es lenkt sie ab und motiviert sie zugleich, weiterzukämpfen.“ Jeder Ukrainer könne stolz auf die Nationalmannschaft sein, findet Beiz: „Die Spieler sind echte Vorbilder. Sie leisten der Ukraine nicht nur große finanzielle Unterstützung, sie geben ihren Landsleuten auch mental viel Kraft.“ Darüber hinaus sei die EM eine gute Gelegenheit, um Europa zu zeigen: „Hey, uns gibt es noch! Vergesst uns nicht! Durch unsere Teilnahme rücken wir ein Stück weit näher an Europa heran.“

Und wie schätzt Beiz die sportlichen Chancen ein? „In unserer Gruppe mit Belgien, der Slowakei und Rumänien sehe ich die Chancen auf ein Weiterkommen auf jeden Fall bei über 50 Prozent.“ Die Ukraine habe ein super Team, dem es nur an Erfahrung fehle. „Wir sind fußballerisch gut, verteidigen aber auch sehr stark, das hat man gegen Deutschland gesehen.“

Die Ukraine stellt den besten Torjäger der spanischen Liga

Beiz weist darauf hin, dass sein Land viele starke Spieler aus Europas Top-Ligen stellt. Er nennt Artem Dovbyk, der das Überraschungsteam FC Girona als Top-Torjäger (24 Treffer) auf den dritten Platz der spanischen La Liga ballerte. Dazu kommen mit Oleksandr Zubkov (Shakhtar Donezk) und vor allem 100-Millionen-Euro-Mann Mykhailo Mudryk vom FC Chelsea zwei schnelle und gefährliche Flügelspieler sowie mit Georgiy Sudakov (Shakhtar Donezk) ein 21-jähriges Top-Talent im offensiven Mittelfeld.

Zum Favoritenkreis zählt er die Ukraine, anders als Deutschland, allerdings nicht. „Das Team braucht noch zwei, drei Jahre.“ Deutschland dagegen habe ein Top-Team beisammen: „Julian Nagelsmann hat eine gute Mischung aus Jung und Alt gefunden, auch wenn ich persönlich Mats Hummels, den derzeit besten Innenverteidiger, auf jeden Fall mitgenommen hätte. Klar ist: Mit dieser Mannschaft kann Deutschland um den Titel mitspielen.“

Und wie wird Beiz die EM verfolgen? „Ich hoffe, noch Karten für das eine oder andere Spiel der Ukraine zu bekommen, ansonsten mit Freunden am TV. Sicher werden wir auch mal einen Grillabend machen.“

Das nächste Länderspiel an diesem Freitag gegen Polen wird er sich gemeinsam mit Wojciech Fassl, seinem polnischen Teamkameraden vom TSV Jetzendorf, anschauen.

DK