Nach mehr als 30 Jahren ist Schluss
Profi-Erlebnisse, Sturm-Erkenntnisse und eine neue Karriere als Langläufer: Alex Geiger sagt Servus

25.05.2023 | Stand 16.09.2023, 21:25 Uhr |

Die Unaufsteigbaren sind Geschichte: Gleich im ersten Jahr schaffte Alex Geiger mit dem FC Sturm Hauzenberg den Sprung in die Landesliga. −Foto: Mike Sigl Archiv

Welche Gefühle am Samstag um 15.45 Uhr hochkommen werden? Das weiß Alex Geiger noch nicht so genau. „Aber ein bisschen Wehmut wird sicher dabei sein“, sagt der Spielertrainer des FC Sturm Hauzenberg. Denn wenn der Schiedsrichter im Staffelbergstadion das Heimspiel gegen Neukirchen b.Hl. Blut abpfeift, dann ist auch die lange Karriere von Alex Geiger beendet.

Nach mehr als 30 Jahren auf dem Rasen zieht der 38-Jährige sein Trikot aus – für immer. „Ich jage seit meinem fünften Lebensjahr dem Ball nach, habe hunderte Stunden im Bus und auf Fußballplätzen in ganz Deutschland verbracht. Für mich geht ein Lebensabschnitt zu Ende. Von daher werde ich schon ein bisschen traurig sein“, sagt Geiger und schiebt dann hinterher. „Aber ich freue mich auch, dass ich dann mal raus bin aus dieser Mühle und ein bisschen Luft bekomme, mehr Zeit habe für die Familie und die Hobbys.“

Fußball – das ist für Alex Geiger immer mehr gewesen als eine reine Freizeitbeschäftigung. Geiger ist schon als Kind gut, sehr gut sogar. Und er hat Biss, Ehrgeiz, Wille. In der Jugend wechselt der Hohenauer zum TSV Waldkirchen, der damals mit seinen Nachwuchsteams noch in der Bayernliga unterwegs ist. Schnell werden Scouts aufmerksam auf das Talent aus dem Bayerwald. Der FC Bayern, 1860 München, Wacker Burghausen und die Spvgg Greuther Fürth klopfen an, laden zum Probetraining, Geiger entscheidet sich schließlich für einen Wechsel nach Franken. Bei den Fürthern spielt er als A-Jugendlicher schon im U23-Team, bei den Aufstiegsspielen hilft er aber „unten“ aus, feiert mit der U19 den Sprung in die damals neu eingeführte Bundesliga.

In Bayreuth erlebt er sein bestes Jahr



Bei Fürth bleibt Geiger nicht lange. Profiklubs locken den jungen Offensivspieler, der schließlich nach Bayreuth wechselt, das damals in der Regionalliga Süd, also der 3. Liga, an den Start geht. Dort tummeln sich klangvolle Namen, FC Augsburg, Jahn Regensburg oder TSG Hoffenheim heißen die Gegner. Geiger schlägt in Bayreuth voll ein, wird Stammspieler, Leistungsträger. „Das war sicher mein bestes Jahr im Herrenbereich“, sagt er heute.

Er lebt jetzt seinen Traum. Fußballprofi. Er tingelt quer durch Deutschland, spielt in vollen Stadien, lernt viele interessante Menschen kennen. „Es war eine sehr schöne Zeit mit unglaublichen Erlebnissen. Und es sind echte Freundschaften entstanden“, erzählt Geiger, der noch heute Kontakt zu vielen Leuten aus dem großen Fußballgeschäft hält.

Wechsel zu Wacker platzt kurzfristig

Dass dieses Geschäft brutal sein kann, auch das muss Geiger erfahren. Als er von Bayreuth nach Darmstadt wechselt, läuft es gar nicht rund. „Wir hatten eine zweigeteilte Kabine, schlechte Stimmung. Ich wollte da schnell wieder weg und bin dann im Winter zum TSV Crailsheim gegangen, weil ich innerhalb der Regionalliga vom Verein keine Wechselfreigabe bekommen habe.“

Eine weitere bittere Erfahrung macht Geiger später in Burghausen. Beim damaligen Zweitligisten unterschreibt er einen Vorvertrag, mit Trainer Fred Arbinger ist alles geregelt. Doch dann steigt Wacker ab. Ingo Anderbrügge löst Arbinger ab und der Ex-Schalke-Profi gibt Geiger zu verstehen, dass er eher auf Leute setze, die er selbst zum Verein holen wolle. „Ich hatte bereits eine Wohnung in Burghausen. Die habe ich dann wieder gekündigt und bin nach Weiden gewechselt“, sagt Geiger.

Im DFB-Pokal gegen Klopp und den BVB

Bei der Spvgg erlebt er eine schöne Zeit – und eines seiner besten Spiele. Als Kapitän führt er die Mannschaft am 1. August 2009 vor 10000 Zuschauern ins DFB-Pokal-Match gegen Borussia Dortmund, das damals von Jürgen Klopp trainiert wird. „Wir haben gut dagegengehalten“, erinnert sich Geiger, der in Minute 79 das Tor zum 1:2 auflegt, ehe Mohamed Zidan kurz vor Schluss mit dem dritten BVB-Treffer die Sensationsträume beendet.

Drei Jahre spielt Geiger in Weiden. Er ist jetzt 24, weiß mittlerweile, „dass der Zug nach ganz oben in diesem Alter abgefahren ist“. Daher entscheidet er sich für den nächsten Karriereschritt. Beim TSV Bogen nimmt er ein Angebot als Spielertrainer an, beginnt zudem eine Ausbildung im Büro. Sportlich läuft es bestens für Geiger, „wir sind in die Landes- und Bayernliga aufgestiegen, das war eine megaschöne Zeit“.

„Auch uns in Hauzenberg wurden die Augen geöffnet“



Mit dem Schritt Richtung Heimat streckt zugleich der FC Sturm Hauzenberg seine Fühler aus nach dem Bayerwaldler. Markus Reischl meldet sich bei Geiger, lotet Jahr für Jahr das Interesse an einem Engagement aus. 2014 sagt Geiger schließlich ja. Das er in den kommenden neun Jahren eine Ära prägen wird unterm Staffelberg, kann zu diesem Zeitpunkt freilich niemand ahnen.

Mit Geiger gelingt dem Sturm auf Anhieb das, worauf die fußballverrückte Stadt schon so lange hofft. Die „Unaufsteigbaren“ schaffen über die Relegation den Sprung in die Landesliga. Auf dem Platz macht der Ex-Profi oft den Unterschied, als Trainer spricht er auch mal das aus, was keiner hören will – und steht zu seinem Wort. Gemeinsam mit Sportchef Reischl etabliert Geiger den FC Sturm als feste Größe in der Landesliga – obwohl es immer schwieriger wird, in der Fußball-Diaspora Niederbayern konkurrenzfähig zu sein. „Der Aufwand in der Bayern- oder Landesliga ist extrem, viele Spieler wollen das nicht mehr mitmachen. Von daher ist es immer wichtiger, auf eigene Talente zu setzen, diese früh an den Verein zu binden, ein Team aufzubauen. Da wurden auch uns in Hauzenberg in den letzen Jahren die Augen geöffnet. Es geht nur über Zusammenhalt, Spaß und Gemeinschaft − und das kannst du nicht kaufen“, sagt Geiger.

Mittlerweile habe sich bei Hauzenberg eine echte Gemeinschaft gebildet. „Wir haben eine super Mannschaft aufgebaut, die wirklich schönen Fußball zeigt. Es hat in dieser Saison unglaublich viel Spaß gemacht mit diesen Jungs zu arbeiten. Auch das Zusammenspiel mit Dominik Schwarz hat perfekt funktioniert, er ist ein sehr wichtiger Faktor“, sagt Geiger. In dieser Saison schnuppert der Sturm sogar am Aufstieg zur Bayernliga – doch auch wenn es wohl nichts wird mit der Relegation, sieht der langjährige Macher einen perfekten Zeitpunkt für seinen Abschied. „Der Verein ist mir extrem ans Herz gewachsen. Daher war es für mich ganz wichtig, dass die Weichen für die Zukunft gestellt sind. Und das ist uns gelungen. Es läuft wirklich alles in die richtige Richtung − es kann eigentlich nur weiter nach oben gehen in den nächsten Jahren.“

Pferde als gemeinsames Hobby mir seiner Frau

Ganz verzichten muss der Sturm künftig auf Geiger nicht. Er werde zunächst zwar „sicher kein offizielles Amt übernehmen“, aber „wenn mich der Verein mal braucht oder jemand der jungen Spieler ein Problem hat, bin ich natürlich da“. Neben Aushilfstätigkeiten beim FC Sturm plane er die ein oder andere Hospitation bei Vereinen im Profibereich, wo einige seiner ehemaligen Mitspieler als Trainer arbeiten.

Doch auch wenn der Fußball nicht ruft, wird Alex Geiger garantiert nicht langweilig. Der 38-Jährige ist zweifacher Papa, hat zudem als Prokurist und kaufmännischer Leiter einer Baufirma große Verantwortung im Job. Daheim dreht sich bei Familie Geiger vieles um die Tiere, sechs Pferde und zwei Esel stehen im familiär betriebenen Reitstall. „Pferde sind schon immer eine große Leidenschaft meiner Frau. Auch ich habe mir mittlerweile ein eigenes zugelegt. Nun haben wir ein gemeinsames Hobby – und so kann und möchte ich auch etwas zurückgeben an meine Frau, die wegen des Fußballs ja oft zurückstecken musste “, erzählt Geiger.

Zudem werde man ihn ab Juli verstärkt in Mauth und Finsterau antreffen. Wenn die Fußball-Saison vorbei ist, werde er sich als Erstes ein Paar Skiroller zulegen, um sich fitzumachen für den Langlaufwinter. „Das ist eine wirklich große Leidenschaft von mir und weckt nochmals einen neuen Ehrgeiz. Ich habe vor, den ein oder anderen Wettkampf zu bestreiten“, verrät Geiger.

Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst will er mit dem Sturm sein letzten Spiel gewinnen. Er selbst wird wegen eines Muskelfaserrisses wohl passen müssen, „aber vielleicht reicht es am Ende für ein paar Minuten, das wäre schon nochmals schön“. Dem Verein habe er mitgeteilt, dass er keine große Abschiedsparty wolle. Einige Leute, „die uns seit Jahren ehrenamtlich unterstützen“, lädt Geiger diese Woche noch zum Essen ein. Am Samstag ist dann die allgemeine Saisonabschlussfeier geplant. Dann wird Geiger mit vielen Sturm-Fans anstoßen. Auf neun erfolgreiche Jahre unterm Staffelberg. Und auf eine lange, lange Spielerkarriere. Kein Wunder, dass da auch ein bisschen Wehmut aufkommt.