So tickt das Supertalent
Die Familie gibt Can Uzun Kraft: Papa fährt den Regensburger regelmäßig zum Training

04.03.2024 | Stand 05.03.2024, 9:45 Uhr |

Hat allenGrund zum Lachen: Beim Regensburger Cluberer Can Uzun läuft es diese Saison. Foto: imago

Özcan Uzun hat alles im Griff. Er sitzt am Steuer. Die Straßen in Regensburg kennt er in- und auswendig. Seit 15 Jahren arbeitet der 46-Jährige als Busfahrer der Stadtwerke. Meist aber in der Spät- und Nachtschicht. Denn davor packt er oft noch seinen außergewöhnlich talentierten Sohn Can in den ganz gewöhnlichen Fiat Punto der Familie und fährt ihn zum Training nach Nürnberg. Dort spielt Can Fußball – und das ziemlich gut.



Das machen der 18-jährige Shooting-Star des 1. FC Nürnberg und sein Papa seit Jahren so. Der Vater fährt Auto, der Sohn, der sich am Montag als Nationalspieler für die Türkei und gegen Deutschland entschieden hat, ist als Fußballer auf der Überholspur.

Can Uzun hätte vom Club eine Unterkunft gestellt bekommen. Das lehnte der Stürmer mit den Zauberfüßen dankend ab. „Er wollte zuhause bei uns in Regensburg bleiben, dort, wo seine Familie ist. Can ist ein Familienmensch“, sagt sein Vater.

An diesem Vormittag steht Öczan Uzun vor dem Presseraum auf dem Vereinsgelände. Sein Sohn gibt gerade im Gebäude ein Interview für ein Fernsehteam, sein Berater ist dabei. Can Uzun ist ein gefragter Fußballer dieser Tage. Özcan Uzun wartet geduldig auf den Sohn. Er kennt das Warten, es stört ihn nicht. Er steckt sich eine Zigarette an. Ab und an kommt jemand für einen Plausch vorbei. Die Sonne scheint. Alles ist entspannt.

In der Altstadt aufgewachsen

Wie sein Papa Özcan und seine Mama Dilara ist Can Uzun in Regensburg geboren. Als Einzelkind wuchs er mit den Eltern in einer 70-Quadratmeter-Wohnung in der Altstadt nahe des Arnulfsplatzes auf. Später ging es erst in den Kindergarten St. Leonhard, dann in die Kreuzschule, schließlich auf das Albertus-Magnus-Gymnasium, das er nach der zehnten Klasse mit der Mittleren Reife verließ. Seit vier Jahren wohnt er mit seinen Eltern in Lappersdorf.

„Regensburg ist unsere Heimat“, sagen Papa und Sohnemann unisono. Cousins, Onkel, Opa, Oma leben hier – die ganze Familie. „Alle sind sehr stolz auf ihn und unterstützen ihn auf seinem Weg“, weiß Özcan Uzun, der früher selbst als Stürmer, unter anderem für Türkgücü Regensburg, kickte.

Özcan Uzuns Handy klingelt. Er drückt den Anrufer weg. Denn das, was er jetzt sagt, ist ihm sehr wichtig. Natürlich sei er stolz auf seinen Sohn und sein Versprechen an eine womöglich große Fußballkarriere, keine Frage. „Aber was mir wichtiger ist, ist seine menschliche Entwicklung. Im Fußball kann alles schnell vorbei sein, Mensch bist Du immer. Ich sage immer zu Can, dass er bodenständig bleiben soll, auch wenn er bekannter wird. Er soll sich niemals für etwas Besseres halten.“

Dass Can Uzun bereits im Kindergartenalter deutlich besser im Kicken war als die meisten Zweitklässler, war schnell klar. Schon immer dreht sich bei Can Uzun alles um Fußball. „Als er noch ein kleines Kind war, hat er sich nicht für Spielsachen interessiert. Er wollte immer den Fußball“, erinnert sich der Papa – ebenso an manch zersplitterte Glasscheibe in der Wohnung. Aus heutiger Sicht gut investierte Ausgaben. Özcan Uzun lacht.

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Mittlerweile ist der Interviewer im Innenraum des Gebäudes fertig. Nun werden noch ein paar Aufnahmen auf dem Trainingsplatz gemacht. Can Uzun, sein Berater und das Filmteam ziehen weiter. Özcan Uzun wartet in der Sonne, steckt sich eine Zigarette an. NLZ-Leiter Michael Wiesinger winkt zur Begrüßung aus der Ferne.

Can Uzuns bester Freund seit Kindergartentagen ist Kenan Yildiz, der heute türkischer Nationalspieler ist und bei Juventus Turin spielt. Mit ihm kickte Can einst auf Regensburgs Bolzplätzen. Wie Yildiz landete Uzun nach seiner kurzen Zeit beim Freien TuS Regensburg in der Kaderschmiede des SSV Jahn Regensburg.

Eigentlich hatte sein Vater ihn 2012 nicht zum Jahn gehen lassen wollen – aus Sorge. „Er war doch noch im Kindergarten, die anderen Spieler aber schon zwei, drei Jahre älter. Ich dachte, die machen ihn dort kaputt, weil er noch so jung ist“, sagt der Papa. Er sollte sich mit dieser Einschätzung täuschen.

Christian Martin, Leiter der Jahnschmiede, erinnert sich gut an den kindlichen Fußballer Can Uzun: „Er hatte schon damals eine sehr gute Technik, einen sehr guten Torabschluss und guten Speed mit dem Ball am Fuß. Er war sehr ehrgeizig, wollte immer gewinnen und hatte großen Trainingsfleiß.“

Einer von Can Uzuns Mitspielern damals war Jannik Graf, der es zum Profi beim SSV Jahn geschafft hat. „Can war früher eher ein ruhiger, aber auch lustiger Typ. Seine Familie ist ihm sehr wichtig. Can und ich waren in jedem Jahrgang damals die jüngsten und kleinsten Spieler. Wir waren deswegen auch die einzigen, die nie ohne die Eltern irgendwo übernachten wollten. Im Trainingslager war das jedes Mal ein Drama", erinnert sich Graf mit einem Lachen.

Auch Vater und Sohn Uzun denken mit einem Lächeln an die Jahn-Zeit zurück. Eine schöne Zeit sei es dort gewesen. Den Weg danach über die Jugend des FC Ingolstadt zum Club haben sie im Hause Uzun aber keinen Moment bereut. Özcan Uzun: „Der Club hat uns sehr geholfen, es ist alles sehr familiär hier. Es war der richtige Schritt.“

Fiel ist ein Mentor Cans

Ein Mentor Can Uzuns ist Trainer Cristian Fiél. Er versichert: „So lange er noch hier beim Club ist, arbeiten wir im Trainerteam jeden Tag mit ihm und versuchen ihm das ein oder andere mitzugeben, das ihm auf seinem Weg helfen kann. Ich drücke ihm alle Daumen.“

Dass Can Uzun den finanziell klammen Club im Sommer verlassen wird, gilt als ausgemacht. Zwölf Tore hat er mittlerweile in der 2. Liga für die Franken erzielt, längst sind auch ausländische Vereine an ihm dran. Und der FCN braucht das Transfergeld. Zuletzt saßen Scouts von Inter Mailand auf der Tribüne. Es soll zudem Interesse aus England geben. „Momentan herrscht ein riesiger Hype um Can. Aber entschieden ist noch nichts“, versichert der Papa.

Anders als in der Frage, ob Uzun künftig für das deutsche oder türkische Nationalteam spielen wird. Diese ist seit Montag geklärt: Der 18-Jährige sprach sich für die Türkei aus, das Land, für das sein Kumpel Kenan Yildiz spielt.

Das Fernsehteam ist mit seinen Aufnahmen fertig. Can Uzun und seine Begleiter kehren zurück. Papa Özcan muss sich aber weiter gedulden. Sein Sohn muss noch zur Regeneration. Der Vater nimmt die Nachricht seines Sohnes mit buddhistischem Gleichmut hin. Dann wartet er eben noch. Es geht schließlich um seinen Sohn, nicht um ihn.

Die Sonne scheint unverändert. Özcan Uzun ist entspannt und jederzeit fahrbereit. Dann sagt er: „Zu seinem nächsten Verein werde ich Can aber nicht mehr mit dem Auto fahren können.“ Özcan Uzun lacht.