„Wie David gegen Goliath“
Sandi Lovric spielt für Slowenien bei der EM – Bruder Den ist bekannter Kicker in Ingolstadt

12.06.2024 | Stand 12.06.2024, 12:34 Uhr |

Tausch mit einem Weltfußballer: Beim Nachbarschaftsduell der Slowenen mit Kroatien sicherte sich Sandi Lovric das Trikot von Real-Madrid-Star Luka Modric. Foto: privat

Slowenien ist mit 2,1 Millionen Einwohnern mit Abstand das kleinste Land bei der Fußball-EM in Deutschland. Ein Spieler im Kader hat starke Verbindungen in die Region: Sandi Lovric, der Bruder von Gerolfings spielendem Co-Trainer Den Lovric, ist nach überstandener Verletzung dabei.



Wir haben uns mit dem 26-Jährigen über die Außenseiterrolle und seine Turnierfavoriten unterhalten:

Herr Lovric, welcher Erfolg ist höher einzustufen: Ihr Klassenerhalt mit Udine am letzten Spieltag der italienischen Serie A oder der Bezirksliga-Aufstieg Ihres Bruders Den mit dem FC Gerolfing?
Sandi Lovric: (lacht) Der Aufstieg hat bestimmt tolle Emotionen mit sich gebracht – für die Spieler, die Fans und den gesamten Verein. Bei so einem Ereignis ist viel positive Freude dabei. Beim Kampf um den Klassenerhalt herrscht dagegen mehr negativer Druck, weil es um die Existenz geht. Natürlich war es dann auch für uns ein erleichterndes Gefühl. Aber ich würde ein positives Erfolgserlebnis wie einen Aufstieg immer vorziehen.

Letztes Punktspiel gegen Inter Mailand


Im Gegensatz zu Ihrem Bruder mussten Sie in der Saisonschlussphase passen. Ihr letztes Punktspiel war am 8. April gegen Inter Mailand. Was macht die Verletzung?
Lovric: Die Ruptur mit Sehnenbeteiligung an der Oberschenkelrückseite ist inzwischen Gott sei Dank verheilt, ich fühle mich fit. In der vergangenen Woche bin ich für die Nationalmannschaft beim 2:1-Testspielsieg über Armenien 19 Minuten eingesetzt worden, und beim 1:1 gegen Bulgarien habe ich fast eine halbe Stunde Einsatzzeit bekommen. Nach so langer Ausfallzeit war das ein sehr schönes Gefühl.

Hatten Sie die Befürchtung, es nicht rechtzeitig für die EM zu schaffen?
Lovric: Ich wusste, dass es knapp wird, hatte aber keine Zweifel. Ob es allerdings für die Startelf reicht, wird sich zeigen.

55 Spiele in der Jugend für Österreich


Nach 55 Spielen für österreichische Nachwuchs-Nationalmannschaften hatten Sie sich 2020 dazu entschieden, für Slowenien, dem Geburtsland Ihrer Eltern, aufzulaufen. Wieso?
Lovric: Manche Chancen muss man einfach nutzen. Es ist etwas sehr Besonderes für eine A-Nationalmannschaft spielen zu dürfen. Die Beweggründe lagen natürlich darin und auch in den Wurzeln meiner Eltern. Wenn ich sehe, dass ich schon über 30 Spiele gemacht habe und bei einer EM dabei bin, war es die absolut richtige Entscheidung.

Die Slowenen werden als fleißig, bescheiden und ehrlich, aber auch fröhlich und liebenswürdig charakterisiert. Können Sie sich mit diesen Eigenschaften identifizieren?
Lovric: Das trifft es exakt – und auch ich kann mich in diesen Werten wiedererkennen. Sprachlich gibt es auch keine Probleme. Alle verstehen mich, und ich verstehe sie (lacht).

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Ski- und Wassersportarten dominieren dort. Wie wird der Fußball wahrgenommen?
Lovric: Der Erfolg weckt bekanntlich Interesse. Das sieht man zum Beispiel beim Basketball mit Superstar Luka Doncic im NBA-Finale. Bei uns herrscht seit der Qualifikation ebenfalls eine Euphorie. Das spürt man bei den Menschen auch. Ich denke, dass es in die richtige Richtung geht.

Torwart und Kapitän ist Jan Oblak von Atletico Madrid


Ihr Trainer Matjaz Kek setzt Sie in der Nationalmannschaft auf der linken Außenbahn ein, im Verein haben Sie unter Gabriele Cioffi zumeist als Sechser oder Achter im zentralen Mittelfeld agiert. Wie kommen Sie mit der Umstellung zurecht?
Lovric: Es steht außer Frage, dass ich lieber im Zentrum daheim bin. Bei der Nationalmannschaft wird meine Position auf der linken Seite situativ aber auch so angepasst, dass ich immer wieder ins Zentrum rücken und dort meine Stärken ausspielen kann.

Slowenien hat sich erst zum zweiten Mal nach 2000 für eine EM qualifiziert. Wie bei der WM 2002 und 2010 war da nach der Vorrunde Schluss. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass es jetzt zu mehr reicht?
Lovric: Wir haben einige Spieler mit internationaler Qualität wie unseren Torwart und Kapitän Jan Oblak von Atletico Madrid sowie Josip Ilicic, der viele Jahre in Italien gespielt hat und uns viel Ruhe und Erfahrung geben kann. Weil wir aber in der Summe nicht über die individuelle Qualität wie die großen Nationen verfügen, müssen wir als Einheit Team auftreten. Für uns wird es wie David gegen Goliath sein.

Duelle mit England, Dänemark und Serbien


Die Gruppengegner sind Dänemark, England und Serbien.
Lovric: England ist der Favorit auf den Gruppensieg. Danach wird es meiner Meinung nach ein offener Kampf – zumal sich ja auch die vier bestplatzierten Dritten für das Achtelfinale qualifizieren. Einen Vorteil sehe ich darin, dass wir gegen Dänemark (1:1, 1:2; Anm. d. Red.) schon in der Qualifikationsrunde und gegen Serbien (2:2, 1:4) in der Nations League gespielt haben. Wir kennen beide Mannschaften und sind nicht chancenlos.

Wer sind Ihre Titelfavoriten?
Lovric: Mit Frankreich und England muss man immer rechnen. Italien sollte man auch auf dem Zettel haben, da sie mit Luciano Spalletti einen genialen Trainer haben. Er hat oft bewiesen, dass er eine Mannschaft so formen kann, damit sie erfolgreich ist. Auch Kroatien kann aufgrund seiner Qualität und des Teamgeistes eine wichtige Rolle spielen.

Und Deutschland?
Lovric: Ja klar, die darf man auch nicht vergessen. Wenn sie es als Gastgeber schaffen, die positive Energie mit auf den Platz zu nehmen, dann ist alles möglich. Belgien sollte man ebenfalls nicht unterschätzen. Ohnehin bringt das gesamte Teilnehmerfeld sehr viel Qualität mit.

DK


ZUR PERSON

Sandi Lovric (26) wurde in Lienz/Osttirol geboren. Als jüngster Spieler der Klub-Geschichte debütierte er mit 16 Jahren, vier Monaten und 20 Tagen für seinen Ausbildungsverein Sturm Graz in der Bundesliga. In der Saison 2017/18 gewann er den österreichischen Pokal, 2021/22 gelang ihm dieses Kunststück mit dem FC Lugano in der Schweiz. Im Sommer 2022 folgte der Wechsel zu Udinese Calcio nach Italien. Lovric bestritt bislang 35 A-Länderspiele (4 Tore) für Slowenien, zuvor war er 55-mal für die österreichische Nachwuchsteams aufgelaufen.