Pfannenstiels EM
„Schland“ im Fußballfieber: Die EM ist ein letztes europäisches Lagerfeuer, an dem sich alle wärmen

28.06.2024 | Stand 28.06.2024, 14:50 Uhr |

Lutz Pfannenstiel. − Foto: Imago Images

Die Stimmung ist prächtig bei dieser EM. Die Vorrunde ist vorbei und alle Favoriten sind noch dabei. Am meisten überrascht haben mich die Georgier mit ihrem mutigen Auftreten. Das genaue Gegenteil davon ist in meinen Augen die Truppe von Gareth Southgate. Die „Three Lions“ haben bisher ideenarme, risikolose Kost geboten. Und das bei der Starbesetzung! Aber Kreativität? Bislang Fehlanzeige bei den Männern um Harry Kane! Und Southgate gelingt es nicht, sein Team glänzen zu lassen.

Ähnlich blass sind die Franzosen in ihrem Auftreten. Ich verstehe die Sorgen eines Kylian Mbappé um das Abdriften der französischen Gesellschaft hin zu einer rechtspopulistischen, fremdenfeindlichen Regierung. Präsident Macron hat seinen Elitekickern mit Neuwahlen kurz vorm EM-Halbfinale keinen Gefallen getan. Eigentlich sollte die EM die Franzosen einen, der Gewinn der Europameisterschaft sollte ihr ganz spezielles „Rassemblement National“ werden – hinter einer spielstarken, farbenfrohen, selbstbewussten Onze Tricolore. So hatten sie es sich im Elysée und in Clairefontaine ausgedacht. Stattdessen scheint sich die Nervosität im ganzen Land auf die Kicker übertragen zu haben. Mich erinnert das ein bisschen an Deutschlands Regenbogenbinden-Diskussion bei der WM in Katar. Nur dass es hier noch um einiges ernster ist.

Doch bleiben wir beim Fußball: Rangnick hat geliefert. Er hat aus dem Fußball-Zwerg Österreich eine Macht geformt. Mit breiter Brust gehen die Mozart-Kicker am Dienstagabend in ihr Duell mit der Türkei.

Und die Deutschen? Sie haben eine richtig gute Vorrunde gespielt, auch wenn es hinten raus nicht ganz so glatt lief. Offensivkünstler Musiala sticht heraus mit seinen Dribblings und Tempoläufen, der andere Zauberlehrling Florian Wirtz hat zwar auch sein Können immer mal wieder aufblitzen lassen, aber noch hat er nicht so recht seinen Platz gefunden. Ich freue mich für den Kapitän Ilkay Gündogan, dass er endlich angekommen zu sein scheint in seiner Rolle als Mannschaftsführer. Starkes Turnier des Routiniers. Und die Frage, die alle stellen: Kann es ein Sommermärchen 2024 geben? Bisher sieht es danach aus.

„United by football. Vereint im Herzen Europas“ – unter dieses Motto haben UEFA und Gastgeber dieses Event gestellt. Unser Kontinent erlebt gerade sehr unruhige Zeiten, da versucht der Fußball so etwas wie ein letztes europäisches Lagerfeuer zu sein, an dem sich alle wärmen sollen. Die Stadien sind voll, die Stimmung ist ausgelassen, die Fans feiern. Ich wünsche mir, dass die Party weitergeht. Und dass Julian Nagelsmann und seine Männer von einer Welle der Begeisterung durch dieses Turnier bis nach Berlin getragen werden. Am 14. Juli wird in der Hauptstadt von „Schland“ abgerechnet – ausgerechnet am französischen Nationalfeiertag...


Lutz Pfannenstiel (51) aus Zwiesel spielte als Torwart Profifußball auf allen Kontinenten und arbeitet seit 2020 als Sportdirektor für St. Louis City in der nordamerikanischen Profiliga MLS. Für die Heimatzeitung begleitet Pfannenstiel die EM als Kolumnist.