Winzer, München, Massachusetts
Master-Plan statt Profi-Karriere: Das neue, amerikanische Leben des Matthias Stingl

14.05.2024 | Stand 14.05.2024, 10:22 Uhr

Mit Graduation Cap und Bachelor-Zeugnis: Matthias Stingl und Freundin Brenna. − Fotos: ms

Vielleicht hat alles ja so kommen müssen. Als Matthias Stingl (26) vor vier Jahren in die USA ging, geschah das auch aus der Einsicht heraus, dass der Weg in den Profifußball nicht weiterführen würde. Verletzungen hatten den ehrgeizigen Niederbayern aus Winzer (Lkr. Deggendorf) immer wieder zurückgeworfen. Heute spricht Stingl von einer „Top-Entscheidung“, wenn er zurückblickt auf den Sommer 2020, als er die Profi-Pläne ad acta legte und seine Wahl für Fußball und College traf.

Dass es am Ende mehr College als Fußball wurde, mag ursprünglich nicht im Plan des ehemaligen Bayern-Nachwuchsspielers gewesen sein, aber er hat die Situation angenommen und das Beste draus gemacht. „Ich habe nicht alles erreicht, was ich wollte“, sagt Stingl, setzt im selben Atemzug hinzu: „Aber ich hab’ viel erlebt.“ Das kann man so sagen.

Im Juni schließt Matthias Stingl an der University of Massachusetts Lowell seinen Master in Data Analytics ab. Er arbeitet bei einem Steuerberater in der Nähe von Boston, 40 Autominuten von Lowell entfernt. Er hat vor, die Steuerberaterprüfung zu machen. Mit Freundin Brenna, die er vor drei Jahren im Studium kennengelernt hat, wird er nach dem Master-Abschluss nach New Hampshire umziehen. Auch die Partnerin ist mit ihrem Master auf der Zielgeraden und steht vor dem Einstieg ins Berufsleben. Fußball? Das war mal.

Ende Oktober hat Matthias Stingl sein letztes Wettkampfspiel gemacht. Die River Hawks, das Fußballteam der Lowell University, führte er in seinem letzten Jahr als Kapitän aufs Feld. „Wir haben zwar immer um die Playoffs in der Division I gespielt, haben den Sprung aber nie ganz geschafft“, merkt Stingl selbstkritisch an. „Unterdurchschnittlich“ stuft er das Abschneiden ein. Auch im College-Soccer blieb ihm das Verletzungspech treu. „Dadurch hab’ ich viele Spiele verpasst“, sagt Stingl. An den top-besetzten Teams aus New Hampshire und Vermont wäre aber ohnehin kaum ein Vorbeikommen gewesen, stellt er fest – zu stark die Talentauswahl der Konkurrenz-Unis. Stingl nennt Yannick Bright, Verteidiger der Wildcats von der Uni New Hampshire, der für die Major League Soccer (MLS) gedraftet wurde und seit Dezember beim Beckham-Klub Inter Miami unter Vertrag steht.

Stingl selbst blickt aus der Warte eines Ehemaligen auf das Spiel, das ihm den Weg bereitete. Als einprägsamstes Fußball-Erlebnis hat er das A-Junioren-Finale um die deutsche Meisterschaft mit den Bayern in Dortmund in Erinnerung. „Vor 40000 Zuschauern im Signal Iduna Park so ein Spiel zu spielen, das war schon was Besonderes, auch wenn wir verloren haben“, sagt Stingl. Fußballerisch denkt er heute ein paar Nummern kleiner. „Vielleicht ergibt sich mal was mit einem Team der Sunday League“, sagt der angehende Steuerberater. Freizeitliga, würde man hierzulande sagen. Jucken, sagt Stingl, würde es ihn schon. „Aber es muss eben passen.“ Wenn er nicht im Steuerbüro oder an seiner Masterarbeit sitzt, fährt er mit Freundin Brenna gern mal nach Boston, schaut die Eishockey-Spiele der Bruins an, geht zu den Celtics. „Nur zu den Patriots, dem Football-Team, hab’ ich es noch nicht geschafft“, sagt Stingl.

Es ist ein amerikanisches Leben geworden, das Matthias Stingl führt. Der einst hoffnungsvolle Fußballer hat die Chance genutzt, die sich ihm vor vier Jahren geboten hat. „Ich werd’ wohl länger bleiben“, stellt er lachend fest. An Weihnachten war er das letzte Mal daheim in Winzer, zu Pfingsten kommen die Eltern zu Besuch nach Lowell. Bruder Johannes hält derweil die Physiotherapie-Praxis in Vilshofen am Laufen – und kämpft mit dem SV Schalding um den Klassenerhalt in der Regionalliga Bayern. Matthias Stingl verfolgt das Geschehen in der alten Heimat von Massachusetts aus. Sein Weg ist ein amerikanischer geworden.