Löwen-Zirkus im Zenith
Mitgliederversammlung beim TSV 1860 München: „Bündnis Zukunft“ scheitert krachend

17.06.2024 | Stand 17.06.2024, 22:35 Uhr |

Bisheriger Kurs bestätigt: Löwen-Präsident Robert Reisinger. Zerrissen bleibt sein Klub dennoch. Foto: Imago iMages

Es war eine denkwürdige Mitgliederversammlung beim TSV 1860 München – und eine, die nachwirkt. Knapp 2400 Löwen haben gewählt und sich mehrheitlich für den bisherigen Kurs von e.V.-Präsident Robert Reisinger entschieden, während die von Hasan Ismaik unterstützte Opposition eine krachende Niederlage erfuhr. Die Gräben in Verein und Fanszene macht das wohl noch größer.

Ein Video, das inzwischen auf Social-Media-Kanälen kursiert, verdeutlicht das besonders gut: Ein Teil der Ultras singt in Siegerlaune das investorenkritische „Scheichlied“. Auf der anderen Seite kündigten einige verärgerte Mitglieder als Reaktion ihren Vereinsaustritt an. Aus ihrer Sicht ist die Chance für einen Neuanfang vergeben worden, der Wahlausgang bedeute Stagnation oder gar Rückschritt – und eine Absage an erfolgreichen Profifußball. Eine Mitgliederversammlung als Sinnbild eines zerrissenen Vereins.

Am Montagvormittag bedankte sich auch das unterlegene „Bündnis Zukunft“ bei seinen Wählern, gratulierte den gewählten Funktionären. Die vergangenen Wochen hätten dennoch gezeigt, „wie viele Löwenfans sich eine Veränderung wünschen“, heißt es. Die vermutete „schweigende Mehrheit“ zu aktivieren, war ihnen nicht gelungen.

14-Stunden-Marathon bei Mitgliederversammlung



Wie bedeutend diese Mitgliederversammlung war, hatte sich schon im Laufe des Sonntags gezeigt. Noch Stunden, nachdem die Veranstaltung im Zenith bereits begonnen hatte, war die Schlange am Einlass nicht weg. Wer von Anfang bis Ende dabei war, musste fast 14 Stunden aushalten. Als erst um kurz vor 23.30 Uhr die Ergebnisse zur Wahl des neuen Verwaltungsrats bekanntgegeben wurden, waren Hunderte (unter anderem Ismaik) schon gegangen. Mit Christian Dierl (1387 Stimmen, neu dabei), Nicolai Walch (1281), Sascha Königsberg, Sebastian Seeböck, Beatrix Zurek (alle 1254), Robert von Bennigsen (1211), Markus Drees (1196), Martin Obermüller (1192, neu dabei) und Gerhard Mayer (1170) setzte sich schließlich die komplette e.V.-nahe Liste der Fanorganisation „Pro1860“ gegen sieben Kandidaten vom „Bündnis“ und weitere unabhängige Bewerber durch. Auf Fußball-Deutsch: Ein klarer 9:0-Sieg für das bisherige Team. Oder eine krachende 0:7-Niederlage für die Herausforderer.

Ergebnis als Watschn für Ismaik



Vor allem ist das Ergebnis eine Watschn für Ismaik, dessen unbestritten energischer und fannaher Einsatz bei der Wahlkampftour durch Bayern erfolglos blieb. Der Mehrheitsgesellschafter der KGaA hatte schon im Laufe der Versammlung via Videobotschaft aus dem Zenith angekündigt, jedes Ergebnis „selbstverständlich akzeptieren und annehmen“ zu wollen. Er werde den Verantwortlichen aber weiterhin im Nacken sitzen. Am Montagnachmittag legte der Jordanier nach: „Heute können sie feiern, morgen werden sie sich fragen: ‚Hat unser Verein vielleicht die Chance verpasst, 1860 mit viel kompetenteren Persönlichkeiten in eine bessere Zukunft zu führen?‘ Ich meine ja!“ Wer glaube, er werde sich jetzt zurückziehen, „der irrt gewaltig“, schreibt Ismaik. „Ich werde jeden Tag für das kämpfen, was für 1860 richtig ist.“

Spürbare Zerrissenheit im Klub



Die Zusammenarbeit mit dem auf Emanzipation vom Investor setzenden Verwaltungsrat dürfte in Zukunft allerdings nicht leichter werden. Der Opposition war es ja darum gegangen, über das mächtige Gremium auch die Spitze des e.V. neu zu besetzen. Dass dieser Plan nicht aufgeht, war bereits zu erahnen, als Reisingers Wunsch-Vizepräsidenten Karl-Christian Bay und Norbert Steppe von rund zwei Dritteln der Mitglieder gewählt wurden.
Die Zerrissenheit im Klub war bei mehreren Redebeiträgen spürbar. Auch KGaA-Geschäftsführer Oliver Mueller hatte einen denkwürdigen Auftritt. In Richtung Bündnis (oder Ismaik) meinte er: „Wenn ein Clown in einen Palast einzieht, wird er nicht zum König – der Palast wird zum Zirkus.“ Im „Zirkus“ 1860 wird es nach den Ergebnissen der Mitgliederversammlung noch weitere Vorstellungen geben.