Vor der Mitgliederversammlung
Die Ismaik-Show von Oberteisbach – Doch die Löwen-Fans leiden weiter

14.06.2024 | Stand 14.06.2024, 5:00 Uhr |

Den TSV 1860 München wieder groß machen wolle er, sagt Investor Hasan Ismaik beim Fanbesuch in Oberteisbach. Links Dolmetscher Sophy Shitzad. − Foto: Freund

Seine Wahlkampftour vor der Mitgliederversammlung führt Löwen-Investor Hasan Ismaik zum 1860-Fanklub Frauenbiburg. Beim Frage-und-Antwort-Spiel mit den Anhängern wird die ganze Zerrissenheit der Löwen-Familie deutlich.

Wer von Dingolfing kommend auf Oberteisbach zufährt, muss an diesem kleinen, gelben Hinweisschild vorbei: Die Ortsangabe „Heimlichleiden“ weist auf eine unweit gelegene kleine Wallfahrtskapelle hin. Kaum 200 Meter weiter wird ziemlich sichtbar gelitten. 120 Anhänger des TSV 1860 München haben sich an diesem Abend im Hotel „Räucherhansl“ zusammengefunden, denn es hat sich großer Besuch angekündigt. Investor Hasan Ismaik ist auf Tingeltour über die Dörfer. Auch beim Löwen-Fanklub Frauenbiburg in Oberteisbach will der jordanische Gesellschafter vor der Mitgliederversammlung des Vereins am Sonntag Fragen zur Zukunft des Vereins beantworten.

Und Fragen, das zeigt der Abend in weiß-blau geschmücktem Hotelsaal deutlich, gibt es viele. Antworten auch, aber genauso viele Zweifel. Und vor allem zeigt sich die ganze Zerrissenheit eines Vereins, der die Mitglieder mit den Auseinandersetzungen zwischen dem Verwaltungsrat um Präsident Robert Reisinger und Investor Ismaik an die Grenze ihrer Leidensfähigkeit gebracht hat.

An flammenden Appellen zur Geschlossenheit fehlt es ebensowenig wie an Beschwörungen einer besseren Zukunft. Albert Wieselsberger, Löwen-Mitglied seit 1982, spricht aus, was viele denken, wie der einsetzende Beifall zeigt: „Man verliert die Lust, das mag was heißen. Wir sind ganz tief gefallen. Im Verein muss endlich wieder an einem Strang gezogen werden.“ Roland Eckbauer, Minigolf-Unternehmer mit eindrucksvoller Bartfülle aus Postmünster, stimmt nach seinem nicht weniger dramatischen Appell lautstark einen Löwen-Schlachtruf an. Der Saal tobt. Und doch wirken all die Emotionen an diesem Abend eher wie Pflaster auf der gequälten Löwen-Seele. Sie überdecken den Schmerz, bekämpfen aber nicht dessen Ursache.

Das alles weiß der prominente Besucher, der den Löwen-Anhängern an einer langgestreckten Tischreihe gegenübersitzt, nur allzu gut. Hasan Ismaik ist gekommen, die geschundene Löwen-Seele zu streicheln – und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft schüren. „1860 wieder groß machen“, ist eine seiner meistgebrauchten Formulierungen an diesem Abend. Auf 100 Millionen Euro, so gibt es Dolmetscher Sophy Shitzad wieder, werde Herr Ismaik zu diesem Zweck das Stammkapital des Vereins erhöhen, dann eine Finanzierung auf die Beine stellen, um mit weiteren 100 Millionen Euro an einen Stadionneubau heranzugehen – das alles freilich unter einer Bedingung: „Der Kurs muss geändert, der Verwaltungsrat abgewählt werden.“ Das ist die Kernbotschaft des Investors, die er vor der Mitgliederversammlung am Sonntag in der Münchner Zenithhalle im Gepäck hat.

Die Forderung beschreibt den Kern des Konflikts, der die Löwen seit geraumer Zeit inhaltlich lähmt und das Fanlager spaltet. In Oberteisbach hat Fanklub-Vorstand Edi Schwimmbeck als Veranstaltungsleiter zur Sicherheit eine Verhaltensdirektive ausgegeben: „Keine Beleidigungen!“ Bis auf einen Einspruch auf eine Wortmeldung hin, wonach Präsident Reisinger nicht rechnen könne, bleibt es relativ friedlich. Die Trennlinie zwischen Reisinger- und Ismaik-Befürwortern verläuft im „Räucherhansl“ unsichtbar durch den Saal, auch wenn das Reisinger-Lager hier in der Minderheit scheint. Doch Ismaiks Millionen-Versprechen wollen auf keiner Seite Euphorie auslösen. Das hat seine Gründe in der Vergangenheit. So manches hat der Investor schon angekündigt, auch einen Stadion-Neubau, sogar mit Löwen-Zoo. Passiert ist wenig. Er sei von Verwaltungsratsseite nur blockiert und gedemütigt worden, rechtfertigt sich Ismaik.

Schwammiger bleibt er auf die bohrende Frage hin, ob er überhaupt ein Investor sei oder doch nur ein Darlehensgeber, der irgendwann auf Rückzahlung besteht? Und wer solle dann zahlen? Es trägt nicht zur Beruhigung bei, dass sich aus der Übersetzung von Ismaiks Antwort keine Eindeutigkeit heraushören lässt. Es ergeht stattdessen der Hinweis, solche Fragen an Finanz- und Steuerexperten zu stellen.

So wabert die Stimmung an diesem Abend in Oberteisbach zwischen Misstrauen, banger Erwartungshaltung und stiller Verzweiflung dahin. Einig sind sich Anhänger und Investor nur in einem: „So kann es nicht weitergehen“, ist einer der meistgebrauchten Sätze beider Seiten. Aber auf die Frage, wie es dann weitergehen soll, gibt auch dieser Abend keine Antwort. Ob sie die Mitgliederversammlung am Sonntag bringen wird, wird man sehen. Mit dieser Ungewissheit treten die Löwen-Anhänger in später Dämmerung hinaus auf den Parkplatz. Immerhin ist das Monteurs-Fahrzeug weg. Beim Eintreffen vor Beginn der Veranstaltung war den Löwen-Fans aus heruntergelassenen Fenstern der „Stern des Südens“ entgegengeschallt.