Die Chronik eines Missverständnisses
Tuchel und der FC Bayern: Zu viel „schockverliebt“, zu wenig Ergebnisse

21.02.2024 | Stand 21.02.2024, 14:25 Uhr

Spätestens am Ende der Saison verlässt Thomas Tuchel den FC Bayern. Der Rekordmeister zieht einen Schlussstrich. Es ist ein Missverständnis mit Ansage. − Foto: dpa

Für Trainer Thomas Tuchel ist spätestens im Sommer als Trainer des FC Bayern schon wieder Schluss. Am Mittwoch kündigte der Rekordmeister die Trennung zum Saisonende an. Dabei war Tuchel, 2021 mit dem FC Chelsea Champions-League-Sieger, als Nachfolger von Julian Nagelsmann mit großen Hoffnungen nach München gekommen. Letztendlich war es ein großes Missverständnisses.

24. März 2023: Tuchel kommt als Nachfolger von „Langzeitprojekt“ Julian Nagelsmann zum FC Bayern und unterschreibt bis 2025, verbunden mit großen Hoffnungen. Es sei „eine Ehre“, so der Neue: „Es geht ums Gewinnen, das ist eine Verpflichtung, da kann es keine Missverständnisse geben. Wir sind für drei Titel hier – nichts anderes.“

25. März 2023: Joshua Kimmich und Leon Goretzka kritisieren die Nagelsmann-Entlassung. „Wenig Liebe, wenig Herz“, meint Kimmich.

4. April 2023: Nach einem Heimsieg in der Liga gegen Dortmund vergeigen die Bayern mit Tuchel den ersten Titel: 1:2-Heimpleite im Pokal-Viertelfinale gegen den SC Freiburg.

11. und 19. April 2023: Nächster K.o.: Der chancenlose Rekordmeister scheitert im Champions-League-Viertelfinale am späteren Sieger Manchester City (0:3/1:1). Noch ist Tuchel in sein Team „schockverliebt“.

27. Mai 2023: Die Bayern werden äußerst glücklich doch noch zum elften Mal in Serie deutscher Meister. Tuchel: „Wir müssen zielorientierter und konzentrierter werden.“ Kurz nach beim 1. FC Köln (2:1) werden seine Befürworter Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic entlassen

Transfersommer 2023: Tuchel verärgert die Vereinsführung („Der Kader ist zu dünn“) und Führungsspieler wie Joshua Kimmich oder Leon Goretzka nachhaltig. Das seien eher „Achter“, er brauche aber eine „Holding Six“, so Tuchel. Die aber kommt nicht, der bayerische Transferausschuss macht sich zudem mit dem geplatzten Last-Minute-Wechsel von Joao Palhinha zum Gespött. Auch Tuchels Wunschspieler Declan Rice und Kyle Walker werden nicht verpflichtet - wenigstens klappt es mit Harry Kane und Min-Jae Kim.

12. August 2023: Wieder nix: Tuchel und seine Bayern verlieren das Finale um den DFL-Supercup gegen Pokalsieger Leipzig 0:3. Dabei sollte es auch der erste Titel für Kane werden.

1. November 2023: Es kommt noch schlimmer: Blamables Zweitrunden-Aus im DFB-Pokal beim Drittligisten 1. FC Saarbrücken (1:2). Tuchel verzockt sich mit seiner Aufstellung.

6. November 2023: Tuchels Streit mit den Experten Lothar Matthäus und Dietmar Hamann eskaliert. Der Bayern-Trainer bricht nach dem 4:0 in Dortmund ein Sky-Interview ab. Präsident Herbert Hainer schützt Tuchel: „Manchmal hatte man den Eindruck, dass bei uns alles in Schutt und Asche liegt.“

9. Dezember 2023: Nach 12 Ligaspielen ohne Niederlage gibt es eine 1:5-Klatsche in Frankfurt. Tuchel räumt ein, sein Team mit einer kurzfristigen Taktik-Ansprache überfordert zu haben.

12. Dezember 2023: Immerhin: Der FC Bayern erreicht souverän das Achtelfinale der Champions League.

22. Januar 2024: Die Bayern blamieren sich gegen Bremen (0:1). Tuchel motzt: „Das geht gegen jedes Gesetz des Leistungssports.“

28. Januar 2024: Tuchel erzählt bei einem Fanklub-Besuch, dass ihn das Ausland irgendwann noch einmal reizen würde und er dort mehr Wertschätzung gespürt habe.

10. Februar 2024: 0:3-Demontage im Topspiel bei Bayer Leverkusen. Tuchel vercoacht sich im Duell mit Xabi Alonso, Thomas Müller wütet, Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen moderiert die aufkommende Trainerdebatte ab: „Da ändert sich gar nichts.“

14. Februar 2024: 0:1 im Achtelfinal-Hinspiel bei Außenseiter Lazio Rom. Tuchel ist über Fragen zu seiner Zukunft genervt. Einmal mehr geben ihm seine Stars, die er mit öffentlichen Angriffen vermehrt gegen sich aufbringt, Rätsel auf.

18. Februar 2023: 2:3 beim VfL Bochum und acht Punkte Rückstand auf Leverkusen. Dreesen: „Ich halte nichts von diesen monströsen Trainer-Unterstützungsbekundungen.“ Aber „selbstverständlich“ sei Tuchel gegen Leipzig noch Trainer. Und Tuchel? Redet die dritte Pleite in Serie schön.

21. Februar 2024: Die Bayern beenden das Missverständnis mit Tuchel - aber erst im Sommer. Eine „Neuausrichtung“ soll folgen – mal wieder.

− sid