Der Rekordmeister in der Krise
Trainer, Mentalität und „überbezahlte Möchtegernstars“: Die Brennpunkte beim FC Bayern

19.02.2024 | Stand 19.02.2024, 11:43 Uhr

An der „Generation nix“ (Süddeutsche) um Joshua Kimmich, Leroy Sane und Co. sind schon die Bundestrainer Joachim Löw und Hansi Flick sowie Julian Nagelsmann in München wie beim DFB verzweifelt. − Foto: dpa

Drei Pflichtspielniederlagen nacheinander gab es beim FC Bayern zuletzt vor fast neun Jahren. Was läuft falsch beim deutschen Fußball-Rekordmeister? Der SID wirft einen Blick auf die wichtigsten Brennpunkte.

DER TRAINER
Es hat schon fast was vom Kultfilm „Und täglich grüßt das Murmeltier“, wenn Thomas Tuchel den Wert der „erwarteten Tore“ heranzieht, um mal wieder eine Bayern-Niederlage schönzureden. Elf seiner 44 Pflichtspiele hat der 50-Jährige verloren – eine verheerende Bilanz. Tuchel hat seiner Mannschaft nie vertraut, nie eine echte Bindung zu ihr aufgebaut. Im Amt hält ihn nur die Sehnsucht der Bosse nach Kontinuität und die Tatsache, dass keine der Sofort-Optionen wie Hansi Flick oder Jose Mourinho sie voll überzeugt. Trotz der klaren Job-Garantie seines Chefs Jan-Christian Dreesen rechnet der Coach in den nächsten Tagen mit intensiven Diskussionen um seine Person. Das Bekenntnis Dreesens sei „natürlich schön“, sagte Tuchel nach der Pleite in Bochum: „Ob das hilft, dass die Diskussionen nicht geführt werden, wage ich zu bezweifeln.“ Und dann ergänzte er direkt gegenüber den Journalisten: „Aber das ist kein Problem. Das könnt Ihr machen. Das ist das Geschäft.“ Die Diskussionen um ihn und seinen Job gebe es „ja schon gefühlt die ganze Saison. Auch als wir Spiele gewonnen haben“, sagte Tuchel fast schon trotzig: „Da ist für mich schon seit ein paar Wochen der Punkt erreicht, wo es mich nicht mehr tangiert. Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann. Das ist das einzige Rezept, das ich kenne.“

DIE KADERPLANUNG
Die im Sommer zusammengestellte Transfer-Taskforce („Ausschuss Sport“) strotzte vor großen Namen und vermeintlicher Kompetenz. Doch Ehrenpräsident Uli Hoeneß, Vorstandschef Jan-Christian Dreesen und Co. vermochten es mit Ausnahme von Harry Kane nicht, die Mannschaft auf den erforderlichen Positionen zu verstärken, nur zu ergänzen. Schlimmer noch: Tuchels Forderung nach einer „Holding Six“ wurde nicht erfüllt, beim angedachten Palhinha-Transfer blamierte sich das honorige Gremium. Und auch im schwierigen Winterfenster kam Masse statt der dringend benötigten Klasse.

DIE MENTALITÄT

Über Jahre blickten die Bayern zufrieden nach Dortmund, wo sich der schärfste Rivale in ewigen Mentalitätsdebatten in schöner Regelmäßigkeit selbst zerlegte. Die Last-Minute-Meisterschaft im Mai schien nochmals zu bestätigen: Wenn es darauf ankommt, schlägt das bajuwarische „Mia san mia“ doch alles. Aber der elfte Titel in Serie war trügerisch, weil er die Defizite in Sachen Gier und Widerstandskraft nur übertünchte.

DER STÜRMERSTAR
25 Tore in nur 22 Spielen – das ist Rekord in 61 Jahren Bundesliga! Dennoch ist auch Kane eines der Gesichter der Krise. Als Fremdkörper bei der schlimmen Pleite im Leverkusener Liga-Gipfel oder als Chancen-Wucherer wie in Rom und Bochum. Dabei kam der Ausnahme-Angreifer als Mann für die wichtigen Tore. Doch der 30-Jährige verliert in einer völlig verunsicherten Elf immer mehr den Halt.

DIE FÜHRUNGSSPIELER
An der „Generation nix“ (Süddeutsche) um Joshua Kimmich, Leroy Sane und Co. sind schon die Bundestrainer Joachim Löw und Hansi Flick sowie Julian Nagelsmann in München wie beim DFB verzweifelt. Die vermeintlich „goldenen“ Jahrgänge 1995/96 sollten die Nationalmannschaft wie die Bayern tragen, unterstützt von den letzten Weltmeistern Manuel Neuer und Thomas Müller. Doch eine echte Achse ist nicht mehr vorhanden, seit Säulen wie David Alaba, Thiago oder Robert Lewandowski wegbrachen. Klubintern sieht mancher in den Hochtalentierten längst eine Ansammlung von überbezahlten Möchtegernstars. Ein Umbruch im Sommer ist überfällig. Das hat Tuchel früh erkannt und ist ihm bei all der berechtigten Kritik zugute zu halten.

DIE BOSSE
Wer hat eigentlich das Sagen in München? Hoeneß, die graue Eminenz vom Tegernsee, betonte kürzlich, es sei „vollkommen falsch“ zu glauben, er bestimme die Geschicke noch immer. Doch seine Erben – ob Dreesen, Präsident Herbert Hainer oder Sportchef Christoph Freund – vermochten es nicht, dem Klub ein echtes Gesicht zu geben. In Max Eberl soll bald das nächste Schwergewicht antreten – ein Hoeneß-Mann, was sonst? Doch weder dem einstigen Patriarchen noch der aktuellen Führung ist es seit dem Ad-hoc-Umbruch im Mai gelungen, den Rekordmeister in ruhigere Gewässer zu steuern.

− sid/red