Gehörte Emotionen
Ohne Sehkraft im Fußballstadion: Blindenreporter Elmar Mair leiht Sehbeeinträchtigten seine Augen

06.06.2024 | Stand 06.06.2024, 6:00 Uhr |

Barrierefreier Stadionbesuch: Durch Blindenreporter wie Elmar Mair können sehbehinderte Fußballfans ihrer Mannschaft „zusehen“. Seit 13 Jahren reportiert der 60-Jährige ehrenamtlich Heimspiele des FC Augsburg. − Foto: privat

Der Torjubel setzt ein. Rot-grün-weiße Fahnen wehen über den Köpfen der Zuschauer hinweg. Leidenschaft und Emotionen füllen die WWK-Arena in Augsburg. Mit Ausnahme der Gästeblöcke W und X schnellen die Siegerfäuste von Fans und Spielern des FC Augsburg nach oben – bei einigen Menschen in der Süd-West-Kurve ruhen die Arme noch in den Schößen. Sie sitzen auf den Plätzen für sehbehinderte Fans und wissen ohne Blindenreporter wie Elmar Mair anfangs nicht, ob die Lieblingself bejubelt oder betrauert werden kann.

Siegtor, Gegentor oder sogar Eigentor? – Elmar Mair gibt nach wenigen Sekunden die Auflösung. Heute, am nationalen Sehbehindertentag, wird deutlich: Der deutsche Volkssport „Fußballschauen“ ist nicht selbstverständlich.

Wo ist der Ball?



Es ist ein Heimspiel des FCA. Die fünf Augsburger Blindenreporter wechseln sich ab. Für Elmar Mair aus Osterbuch (Landkreis Dillingen an der Donau) ist heute Einsatztag. Ab 13.30 Uhr stattet er seinen Arbeitsplatz mit Laptop, Headset und Spielerinfos aus. 15 Minuten vor Anpfiff geht Mair in den C-Block, um Akkus, Empfangsgeräte und Kopfhörer an die Zuhörer zu verteilen. „Das Schöne ist, dass wir so mit den Sehbehinderten in Kontakt kommen.“ Seit 2011 arbeitet Elmar Mair als Blindenreporter. Mit seinen Zuhörern ist er mittlerweile per Du.

Sobald sich der Berufsschullehrer den Kopfhörer überstreift, gilt: Dauerreden – statt Schweigen – ist Gold. Stille während der Blindenreportage kommt einem Bildausfall gleich.„Es ist wichtig, so nah wie möglich am Geschehen zu sein“, weiß Elmar Mair. Meist im Duo sind die Blindenreporter 90 Minuten lang auf Ballhöhe. Ein Kraftakt für Stimme und Konzentration. Im Gegensatz zu Radioübertragungen begleiten Mair und seine Kollegen das Spiel akustisch von An- bis Abpfiff, „statt nur besondere Szenen herauszugreifen“, differenziert er. Ihre Spielstrategie: „Wir wechseln uns alle sieben bis acht Minuten beim Reportieren ab.“

Dabei im Fokus: Wo befindet sich der Ball? Was für „Otto Normal-Fans“ selbstverständlich ist, muss Elmar Mair als Blindenreporter minuziös beschreiben. In welcher Aufstellung stehen die Mannschaften auf dem Feld, mit welchem Fuß hat der Spieler ein Tor erzielt, was steht auf den Bannern gleichgesinnter Fans – Informationen, die Mair den besonderen Stadionbesuchern direkt aufs Ohr liefert. „Anfangs bin ich ins kalte Wasser geworfen worden“, erinnert er sich. Was ihm die Arbeit erleichterte, war Mairs Erfahrung als Hobby-Fußballer und Schiedsrichter. Reportertipps und Infomaterial zur korrekten Blindenreportage bekommt er später auf Schulungen durch die Deutsche Fußball Liga (DFL).

Fairness bis ins Ohr



Damit die Zuhörer immer am Ball bleiben, bereitet sich der Blindenreporter mehrere Tage vor jedem Einsatz vor; blättert in einer Vorschaumappe der DFL nach Informationen über die Spieler. „Da steht wirklich alles drin, von Statistiken zu Spielereinsätzen über Gelbe und Rote Karten bis hin zu Torschüssen“, sagt Mair. Wichtig dabei sei vor allem die korrekte Aussprache von Namen der gegnerischen Spieler.

Weil auch sehbehinderte Fans der Gastmannschaften Mairs Stimme auf den Ohren haben, ist sein Credo: „Im Herzen ist man zwar immer für die Heimmannschaft, aber bei unseren Reportagen sind wir so neutral wie möglich.“ Fairness im Sport findet eben nicht nur auf dem Rasen statt.

In der Halbzeitpause herrscht zwischen Reportern und Zuhörern Funkstille. Während die Spieler in den Kabinen verschnaufen, schont auch Elmar Mair seine Stimmbänder. Für die Blinden, die 90 Minuten lang zwei verschiedenen Sprechern zuhören, sei dies ebenfalls eine willkommene Verschnaufpause. Auch verstummt der Blindenreporter nachdem die Heimmannschaft ein Tor erzielt hat. „Ganz nach unserem Ritual warten wir dann, was der Stadionsprecher sagt, damit die Sehbehinderten mit dem gesamten Fanblock einstimmen können“, erklärt Mair und fügt an: „Es ist der Wahnsinn, wie stark sie mit dem Verein verbunden sind.“

Sprachloser Reporter



Zu den zehn bis 15 Sehbehinderten haben Elmar Mair und seine vier Reporterkollegen „fast schon ein familiäres Verhältnis“ aufgebaut. Mehrmals im Jahr organisiert er gemeinsame Essen, bei denen Fußballwissen zum Augsburger Verein abgefragt wird. Egal ob ein Match zwei oder neun Jahre zurückliegt – „sie können mir sämtliche Details dazu erzählen“, gibt der Reporter zu. So leidenschaftlich für einen Fußballverein zu sein, versetzt Elmar Mair in vergangene Zeiten als er selbst aktiv als Flügelstürmer auf dem Platz stand.

Wie viele Spiele er bereits kommentiert hat, weiß Mair nicht. Eines davon hat sich jedoch besonders eingebrannt: Im August 2023 wurde der Osterbucher vom FC Bayern kontaktiert, um als Gastreporter das Spiel FC Augsburg gegen FC Bayern zu kommentieren – „ein persönliches Highlight“. Was ihm wohl ebenfalls im Gedächtnis bleiben wird: Sein Einsatz für die diesjährige Heim-EM. Damit Sehbehinderte dem Großevent folgen können, streifen sich Elmar Mair und drei seiner Kollegen erneut die Kopfhörer über und gehen in den Reportermodus.

Auch nach 13 Jahren im Ehrenamt behält Elmar Mair seine Neutralität im Job bei. Privat verhält es sich anders: Wird Elmar Mair nach seinem Alter gefragt, zögert er. Die Zahl 60 kommt ihm nicht leicht über die Lippen. Ein gefundenes Fressen für „den absoluten 1860er-Fan in meinem Freundeskreis“. Berufliche Neutralität weicht dann einer freundschaftlichen Fehde mit dem Löwenfan.