Exklusiv im Interview
Bayern-Star Konrad Laimer über die Saison, das Real-Aus, die EM und seine Zweikampf-Liebe

21.05.2024 | Stand 22.05.2024, 6:08 Uhr

Fußball mit Haut und Haar: Konrad Laimer, hier im Duell mit Madrids Vinicius Junior, ist bekannt für seine intensive Spielweise – und reißt damit auch seine Teamkollegen mit. − Foto: imago images

Er ist einer der Gewinner dieser Saison beim FC Bayern: Mit seinem intensiven Spiel hat sich Konrad Laimer (26) zu einer zentralen Säule im Mittelfeld der Münchner entwickelt. Im exklusiven Interview mit der Mediengruppe Bayern spricht der ehrgeizige Österreicher, der in einem kleinen Ort am Wolfgangsee groß geworden ist, über sein erstes Jahr beim FC Bayern, seine Liebe zu Zweikämpfen und den Aufschwung des Fußballs in Österreich.



Herr Laimer, persönlich haben Sie eine extrem starke Saison gespielt, der FC Bayern bleibt aber erstmals seit 2012 ohne Titel. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre erste Spielzeit in München?
Konrad Laimer: Beim FC Bayern ist es von jedem Einzelnen der Anspruch, dass man Titel gewinnt – am besten alle. Von daher ist es am Ende nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Aber ich bin froh, ein Teil dieses Klubs zu sein und überzeugt, dass wir hier sehr viel Qualität haben und in der neuen Saison entsprechend angreifen werden.

Was hat der Mannschaft gefehlt, vor allem in der Bundesliga gab es immer wieder überraschende Rückschläge?
Laimer: Wir hatten sehr gute Phasen, im Herbst haben wir eine sehr stabile Runde gespielt. Aber im Frühjahr haben wir zu häufig nicht die Leistungen und Ergebnisse liefern können, die wir uns alle vorstellen. Wir haben unser Leistungsvermögen immer wieder aufblitzen lassen, aber es nicht geschafft, konstant abzurufen. So war es dann am Ende einfach zu wenig. Freilich hast du mit Leverkusen auch eine Mannschaft, die eine grandiose Saison spielt. Das braucht man nicht kleinzureden. Aber wir dürfen einfach nicht solche Schwankungen in der eigenen Performance haben.

In der Champions League hat die Leistung meist gestimmt. Nach dem starken Auftritt beim Hinspiel gegen Madrid sprach Thomas Müller von einem Konrad-Laimer-Gefühl im Team. Was meint er genau damit?
Laimer: Das müssen Sie den Thomas fragen (lacht).

Thomas Müller spricht vom „Konrad-Laimer-Gefühl“

Und Ihre Einschätzung?
Laimer: Bei Thomas weiß man ja nie so genau, da ist oft auch eine Portion Spaß dabei. Aber wenn ein so verdienter Spieler das sagt, freut man sich natürlich. Grundsätzlich bin ich jemand, der über Zweikämpfe kommt, der sich richtig reinbeißen kann in ein Spiel. So kann ich eine Mannschaft stärken, vielleicht auch den ein oder anderen anstecken und mitziehen. Ich versuche, immer alles reinzuschmeißen, das zeichnet mich aus, das ist ein Bereich, in dem ich sehr hohe Qualität habe.

Waren Sie schon immer so ein „Mentalitäts-Monster“ oder kann man so etwas lernen?
Laimer: Ich weiß nicht, ob man es lernen kann. Ich bin ein Typ, der einfach macht, ohne viel zu überlegen. Und verlieren geht bei mir einfach gar nicht.

Das war schon immer so?
Laimer: Ja, schon als kleiner Bub. Als ich im Garten gegen meinen Bruder oder Cousin gespielt habe, auch da wollte ich immer gewinnen. Und wenn ich heute daheim mit meiner Frau ein Brettspiel mache, will ich auch gewinnen. Diese Mentalität war schon immer in mir − und sie zeigt sich eben auch auf dem Fußballplatz und in meinem Spiel.

Sie haben einmal über sich selbst gesagt: „Ich spiele Fußball mit Haut und Haar.“ Es scheint fast so, als würden Ihnen Zweikämpfe richtig Spaß machen.
Laimer: Ja, sie machen auch Spaß. Es ist ein Wettkampf, du willst dein Duell für dich entscheiden. Es gibt doch nichts Schöneres auf dem Fußballplatz, als deinen Zweikampf zu gewinnen – egal ob offensiv oder defensiv. Und letztlich ist es doch das, was neben den Toren am Ende den Unterschied macht. Gerade in großen Spielen. Natürlich sind die Taktik und das ganze Drumherum auch sehr wichtig. Aber am Ende kannst du reden, was du willst − du stehst elf gegen elf auf dem Platz und da entscheiden einfach Kleinigkeiten. Ob du einen Ball eroberst oder offensiv ein 1-gegen1-Duell lösen kannst.

Abseits des Platzes gelten Sie als eher ruhig und verhalten. Ihr früherer U21-Trainer Werner Gregoritsch sagt: „Mit dem Klimbim um den Profifußball kann er nichts anfangen.“ Hat er Recht?
Laimer: Ich mach’ mein Ding genauso wie früher. Ich habe mich nicht groß verändert. Grundsätzlich bin ich ein Mensch, der Spaß an ganz alltäglichen Dingen hat. Und der froh ist, einfach mal in der Heimat zu sein.

Was sind diese Dinge?
Laimer: Ein Abendessen oder Cafébesuch mit meiner Frau, mich mit Freunden treffen, reden, Karten spielen.

Sie haben zehn Jahre für RB Salzburg gespielt, sechs für RB Leipzig. Wie sehr hat Sie die RB-Philosophie geprägt?
Laimer: Naja, ich hatte in dieser Zeit gefühlt jedes Jahr einen neuen Trainer – und jeder hat eigene Ansprüche und Schwerpunkte mitgebracht. In meiner Jugendzeit war die Ausbildung sogar noch anders, da war der Pressing-Schwerpunkt noch gar nicht so ausgeprägt. Das hat sich dann im Lauf der Zeit geändert. Die spätere Philosophie mit dem starken Pressing war natürlich perfekt für mich und hat mir auf meinem Weg sehr geholfen.

Jetzt sind Sie ein Jahr in München. Was ist anders bei Bayern?
Laimer: Im Fußball selbst ist gar nicht so viel Unterschied. Es gibt die Dinge, die wir mit Ball machen, die wir gegen den Ball machen, wie wir in Umschaltphasen reagieren. Auf was am Ende mehr Wert gelegt wird, ist immer eher abhängig vom Trainer. Grundsätzlich ist hier beim FC Bayern alles nochmal deutlich größer, die Wucht, vor allem die mediale, ist eine ganz andere. Das spürt man. Aber ich habe das von Anfang an gewusst und es war kein Problem für mich. Im Gegenteil: Ich fühle mich sehr wohl in München, bin hervorragend aufgenommen worden. Hinzu kommt die Nähe zu meiner Heimat, es sind immer viele Freunde und Familie bei den Spielen. Ich bin zwar jetzt erst ein Jahr hier − aber es fühlt sich schon deutlich länger an. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Real-Spiel: „Ich musste schnell Abstand bekommen“



In der Champions League lief es lange sehr, sehr gut. Dann scheidet man gegen Real Madrid auf die bitterste Art und Weise aus. Wie geht man mit so einer Niederlage um, wie verarbeitet man sie?
Laimer: Es ist schon schwierig, das zu verarbeiten. Vor allem die Art und Weise, wie es am Ende passiert ist. Grundsätzlich schläft man sehr wenig nach einem Spiel, man denkt nach, schaut es sich vielleicht nochmal an.

Sie schauen sich das Spiel nochmal an?
Laimer: Ja, ich schaue mir immer alles gerne nochmal an, das hilft mir. Aber bei diesem Spiel gegen Madrid habe ich gar nichts angeschaut. Ich habe gedacht, du musst da jetzt schnell Abstand bekommen, es ist ja ohnehin nicht mehr zu ändern. Aber es gab auch positive Erkenntnisse. Man hat im Hinspiel einmal mehr gemerkt, was hier los sein kann in München, welche enorme Euphorie die Fans verströmen, gerade wenn man ein Champions-League-Halbfinale erreicht. Die Motivation ist riesig, dort wieder hinzukommen − und dann auch den nächsten Schritt zu gehen.

Als Manuel Neuer, der zuvor so stark gehalten hat, den Ball fallen ließ und Real plötzlich eine unheimliche Wucht entwickelte – was denkt man da als Spieler auf dem Platz? Kann man da überhaupt noch reagieren?
Laimer: Man kann immer reagieren. Daher ist es wichtig, solche Momente zu erleben. Positiv wie negativ. Ich persönlich bin während eines Spiels so sehr im Tunnel, dass ich gar nicht so recht wahrnehme, was sich im Stadion tut. Hinterher kommen manchmal Leute zu mir und sagen, ‚wow, es war so unglaublich laut‘ – und ich habe das gar nicht wirklich gemerkt, weil ich so fokussiert auf mein Spiel bin. Von daher kann ich auch Rückschläge wie das 1:1 gegen Madrid sehr gut ausblenden und mache einfach weiter.

Wie war die Reaktion der Mannschaft nach diesem aufwühlenden Abend? Gibt es ein „Jetzt-erst-Recht“-Stimmung?
Laimer: Auf jeden Fall. Wir sind hinterher alle noch ein bisschen zusammengesessen und haben uns gesagt: Wir waren sehr nahe dran und jetzt wollen wir mehr. Das spürt man, das merkt man. Dass wir die Qualität im Team haben, das wissen wir. Es müssen nur die richtigen Schlüsse aus dieser Saison gezogen und die richtigen Ansätze gefunden werden. Und dann ist es die Aufgabe von uns allen im Verein, gemeinsam noch mehr dafür zu tun – ich bin komplett davon überzeugt, dass wir alle Möglichkeiten für den Gewinn der Champions League haben.

Mit welchem Trainer ist weiter offen. Die Suche zieht sich jetzt schon sehr lange hin, es gibt viele Namen, Gerüchte und Absagen. Ist das ein Thema in der Mannschaft, belastet das einen?
Laimer: Ich persönlich bin da relativ entspannt. Ich habe in meiner Karriere schon so viele Trainer miterlebt, von daher mache ich mir darüber keine großen Gedanken.

Und wie geht Thomas Tuchel damit um, wie erleben Sie ihn in den letzten Wochen?
Laimer: Ich finde, er hat das grandios gemacht. In allen Belangen. Er war auf allen Ebenen immer auf die Mannschaft fixiert und hat mit seinem Trainerteam wirklich alles investiert für den maximalen Erfolg. Ich kann da wirklich nur lobende Worte für Thomas Tuchel finden.

Mit Ralf Rangnick hat ein Coach abgesagt, der Sie bei der österreichischen Nationalmannschaft trainiert. Hat Sie die Entscheidung überrascht?
Laimer: Ich habe das wie jeder andere von außen mitverfolgt. Ich hatte diesbezüglich auch keinen Kontakt zu ihm.

Apropos Österreich. Die EM steht vor der Tür, Österreich wird als Geheimfavorit gehandelt.
Laimer: Oh, wenn wir in dieser schweren Gruppe schon wieder so anfangen … (lacht).

Es sind ja nicht nur Fanträumereien, sondern Einschätzungen von Experten.
Laimer: Natürlich sind in Österreich in den letzten beiden Jahren einige Schritte in die richtige Richtung gegangen. Aber das war auch unser Anspruch. Wir haben immer gesagt, dass wir super Spieler hier haben und viel Qualität in unserer Mannschaft steckt. Wir haben unser Potenzial zuletzt ganz gut auf den Platz bekommen. Aber leider sind jetzt ein paar verletzte Spieler dazugekommen, was uns sehr hart trifft. Und natürlich ist auch unsere Gruppe extrem herausfordernd.

Sie sprechen die Auslosung an. Was kam Ihnen in den Sinn, als Sie Frankreich, Niederlande und Polen als Gegner gesehen haben?
Laimer: Ich habe mir zuerst gedacht, wie das überhaupt möglich sein kann? Wir haben es ja erst mit dem letzten Spiel in Lostopf 2 geschafft – als ich mir diesen dann angeschaut habe, kam der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht so gut war (lacht). Aber wir haben schon oft bewiesen, dass wir auch gegen gute Nationen gewinnen können. Klar ist, dass wir in dieser Gruppe drei Spiele auf unserem allerhöchsten Niveau brauchen, um weiterzukommen.

„Wahnsinns-Stimmung“ im ÖFB-Team





Was macht die ÖFB-Auswahl so stark?
Laimer: Wir haben eine Wahnsinns-Stimmung drin. Jeder freut sich, dass der andere kommt, jeder weiß, was der andere kann. Wir sind als Mannschaft zusammengewachsen. Man merkt, dass wir gerne beisammen sind und die Zeit miteinander verbringen – und vor allem Spiele gewinnen wollen. Denn am Ende macht es nur Spaß, wenn du gewinnst.

Der Teamspirit stimmt also.
Laimer: Man redet ja oft darüber und sagt, dass man zusammenhalten muss und solche Dinge. Bei uns wurde das aber nicht irgendwie forciert, es hat sich einfach entwickelt. Mit einem Trainer, der die richtigen Wege eingeschlagen hat, der uns alle zusammengeführt hat mit einer Idee, wie wir Fußball spielen wollen. Und diese Idee passt perfekt für uns, wir können uns alle voll damit identifizieren. Ich denke, der österreichische Fußball ist auf einem sehr guten Weg – und wenn der Weg so konsequent weitergegangen wird, gibt es sicher auch die entsprechenden Erfolge.

Ähnlich wie im Skisport?
Laimer: Wie im Skisport? Gleich so gut? (lacht). Wenn’s so kommt, würd’ ich sofort unterschreiben.

Sie selbst sind ja auch ein guter Skifahrer. Man hört, dass Sie es auch auf zwei Brettern weit bringen hätten können.
Laimer: Als Kind bin ich tatsächlich sehr viel Ski gefahren und es hat großen Spaß gemacht. Bei uns im Salzburger Land bin ich schon gut mitgefahren, ich habe glaub’ ich sogar mal ein Rennen gewonnen. Aber ich war nie so gut, dass es für mehr gereicht hätte. Und für mich war schon relativ früh klar, dass mir der Fußball noch mehr gibt und es in diese Richtung geht.