12.04.2019

"Ismaik-Jünger" gegen "Ruinen-Anbeter": Wieso das Klima unter Löwen-Fans vergiftet ist


von Alexander Augustin


Berühmt für gute Stimmung: Die Westkurve des Grünwalder Stadions. Doch dem Fanlager droht eine nachhaltige Spaltung. −Foto: Butzhammer

Berühmt für gute Stimmung: Die Westkurve des Grünwalder Stadions. Doch dem Fanlager droht eine nachhaltige Spaltung. −Foto: Butzhammer

Berühmt für gute Stimmung: Die Westkurve des Grünwalder Stadions. Doch dem Fanlager droht eine nachhaltige Spaltung. −Foto: Butzhammer


"Die Kameradschaft, ja die Kameradschaft, die macht bei Sechzig alles aus", heißt es im berühmten Sechzger-Marsch, einer der Hymnen des TSV 1860 München. Fans und Verein tragen den Satz wie eine Monstranz vor sich her. Doch die "Kameradschaft" – sie droht zu einer Worthülse zu verkommen. Gut acht Jahre nach dem Einstieg von Hasan Ismaik (42) spaltet sich das Fanlager stärker denn je an der Gretchenfrage: Sag, wie hältst du‘s mit dem Investor?

Die Einen befürworten den eingeschlagenen Sparkurs und wünschen sich eine bodenständige Zukunft in einem sanierten Grünwalder Stadion – zurück zu den Wurzeln des Arbeitervereins, emanzipiert von Fremdkapital. Die Anderen dagegen träumen von einem TSV, der – ähnlich wie Atlético in Madrid – dem großen Stadtrivalen Konkurrenz machen kann. Sie fordern freiere Hand für Hasan Ismaik, Investitionen und eine Hochglanz-Arena. Die Einen singen "Scheiß auf den Scheich", die anderen diffamieren Freunde des Grünwalder Stadions als "Ruinenanbeter". Nun haben sich Sportchef Günther Gorenzel und Geschäftsführer Michael Scharold an die Öffentlichkeit gewandt und fordern: "Stop mit dem Gegeneinander!"

Auslöser der Mitteilung, die die Profiabteilung des Traditionsvereins am Donnerstagnachmittag verschickt hat, ist eine zweifelhafte Verkaufsaktion der "Löwenfans gegen Rechts". Auf Facebook kündigte das Bündnis an, vor dem Heimspiel am Samstag gegen Preußen Münster T-Shirts verkaufen zu wollen – für einen guten Zweck, klar. Auf den Leiberl prangt ein Banner mit dem durchgestrichenen Konterfei Ismaiks. Inzwischen wurde der Facebook-Eintrag gelöscht. Doch die Diskussion bleibt: Heiligt der gute Zweck die Mittel?

Der Drittligist selbst sagt: Nein. "Insbesondere von einer Institution, die sich in der Vergangenheit oft vorbildlich für ein Miteinander und gegen Diskriminierung und Gewalt eingesetzt hat, hätten wir erwartet, dass sie mithilft Gräben zu überwinden", heißt es in der Mitteilung. Der Riss sei "tief und beänstigend". Klingt hart – ein Blick in die Kommentarspalten auf Fan-Blogs wie "dieblaue24.de" bestätigt aber genau dieses Bild. Teils wüste Beschimpfungen unter Löwen-Fans und über allem die Frage: Wer ist schuld daran, dass der Verein, der vor 20 Jahren zweimal in einer Bundesliga-Saison den FC Bayern schlug, derart abgestürzt ist?

Das eine Lager sagt: Hasan Ismaik. 2011 übernimmt der jordanische Immobilienmogul 49 Prozent der stimmberechtigten Anteile an der ausgelagerten Kommanditgesellschaft, zu der auch die U21 und die U19 gehören. Sechzig steht zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Bankrott, Ismaik geriert sich als Retter – und wird durchaus wohlwollend empfangen im nach Bundesliga-Fußball dürstenden Löwen-Umfeld. Noch nie war ein ausländischer Geldgeber so groß bei einem deutschen Klub eingestiegen. Ismaik verspricht: Sechzig werde bald Champions League spielen, auf Augenhöhe mit dem FC Barcelona agieren, eine Weltmarke sein. Im Optimalfall schon in zehn Jahren. Selbst als Sechzig Ende 2016 gegen den Abstieg in die Dritte Liga kämpft, ruft Vitor Pereira, damals von Ismaik als neuer Trainer eingesetzt, Fans entgegen: "We go to the top."

Ein Jahr später findet sich Sechzig tatsächlich an der Spitze wieder – als Tabellenführer der Regionalliga Bayern. Der Verein hat den größten Absturz seit dem Lizenzentzug 1982 hinter sich. Sportlich aus Liga zwei abgestiegen und bis in den Amateurfußball durchgereicht, weil Ismaik sich weigerte, nötige Zahlungen für die Drittliga-Lizenz zu leisten. Gegner des Investors haben den Schock schnell überwunden. Sie sehen im Absturz die Chance, sich von Ismaik zu lösen, alte Lasten über Bord zu werfen.

Zwischen Konsolidierung und großen Träumen

Der Mietvertrag mit dem FC Bayern für die verhasste Allianz Arena wird aufgelöst, Sechzig kehrt ins Grünwalder Stadion, die alte Heimat, zurück. Giesing, das Arbeiterviertel, erwacht zum Leben, jedes Regionalliga-Spiel der Löwen ist ein Fest. Am Ende steht die Rückkehr in den Profifußball. Der TSV 1860 München erlebt in diesem Jahr, so wirkt es, eine Wiedergeburt. Nur einer bleibt: Hasan Ismaik, auch wenn seine Lobby im Verein deutlich kleiner geworden ist. Mit dem Doppelabstieg hat sich Präsident Peter Cassalette, ein Ismaik-Vertrauter, durch die Hintertür verabschiedet und mit Robert Reisinger ein erklärter Investoren-Gegner und Freund der Ultras das Ruder übernommen. Auf ihn hat sich das andere Fan-Lager eingeschossen.

Der 55-Jährige setzt auf einen strikten Konsolidierungskurs. Er sagt: Geld von Hasan Ismaik wolle der Verein grundsätzlich nur noch in Form von Sponsoring annehmen – also keine Kredite mehr. Rund 60 Millionen Euro hat der Jordanier dem Vernehmen nach bereits in den Verein gepumpt. Reisinger will den Schuldenberg nicht weiter wachsen lassen. Die einen sagen: Gut so. Die anderen: Auf dem Weg zurück nach oben braucht es Investitionen. Der Kurs der "schwäbischen Hausfrau", so schreiben seine Gegner, richte den Verein zugrunde. Und: Nur dank Hasan Ismaik gebe es den Verein überhaupt noch. Er selbst könne ja nichts dafür, dass der Verein aus seinem Geld nichts gemacht habe. Doch so viel steht fest: Weiteres Ismaik-Geld wird es vorerst nicht geben.

Das stellt Trainer Daniel Bierofka und Sport-Geschäftsführer Günther Gorenzel vor Probleme: Der Verein ist ohne fremdes Geld praktisch handlungsunfähig. Während Bierofka stets betont, er versuche das Maximale aus den Mitteln zu holen, geht Gorenzel in die Offensive. Mehrmals spricht er deutlich über die angespannte Finanzlage, sogar das Sommer-Trainingslager sei in Gefahr. Darauf meldet sich ein österreichischer Hotelier, der den Verein die nächsten drei Jahre gratis beherbergen wird. Eigentlich eine gute Nachricht. Doch die Ultras werfen Gorenzel Jammerei vor. Auf einem Banner, das Fans beim Auswärtsspiel in Braunschweig Ende März ausrollten, steht: "Gorenzel, mach deine Arbeit."

Dabei macht er genau die und das – den Zahlen nach – sogar sehr gut. 1860 steht mit einem jungen Kader als bester Drittliga-Aufsteiger auf Platz sechs, hat frühzeitig mit dem Abstieg nichts mehr zu tun. Auch ein Verdienst des Österreichers, der Daniel Bierofka über weite Strecken der Saison vertrat, als der bei der Fußball-Lehrer-Ausbildung war. Eigentlich könnten die vergangenen zwei Jahre als sportliche Erfolgsgeschichte erzählt werden. Stattdessen droht die so begeisterungs- und leidensfähige Löwen-Fanszene gerade zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu zerbrechen. Die Geschäftsführer Gorenzel und Michael Scharold schreiben dazu: "Wir wünschen uns ein Sechzig, das zusammensteht und das den Sport in den Vordergrund stellt und das unser Vereinslied beim Wort nimmt." Sonst ist‘s mit der Kameradschaft bei Sechzig bald schon aus.




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