24.12.2018

Bayerwäldler Lukas Mühl: Mit Bescheidenheit in die Bundesliga – Auftakt der heimatsport.de-Serie


von Alexander Augustin


Spielt gegen die ganz Großen: Lukas Mühl (r.) im Duell mit Bayerns Thiago. −Foto: Sportfoto Zink/imago

Spielt gegen die ganz Großen: Lukas Mühl (r.) im Duell mit Bayerns Thiago. −Foto: Sportfoto Zink/imago

Spielt gegen die ganz Großen: Lukas Mühl (r.) im Duell mit Bayerns Thiago. −Foto: Sportfoto Zink/imago


Für Profiklubs ist die Ausbildung von Talenten ein knallhartes Geschäft. Wer nicht gut genug ist, wird aussortiert. Laut einer Erhebung der ARD-Radio-Recherche schaffen es am Ende nur 3,5 Prozent aller Talente in die fünf europäischen Top-Ligen (Deutschland, England, Italien, Frankreich, Spanien). Auf einem Markt, auf dem für etablierte Spieler horrende Ablösesummen aufgerufen werden, beginnt der Kampf um Talente immer früher. In keinem Wirtschaftszweig sind die Gewinnspannen so groß wie im Fußball. Nachwuchsspieler werden zu Spekulationsobjekten. Doch wie blicken aktuelle und ehemalige Talente selbst auf ihre Zeit im Nachwuchsleistungszentrum? Wie gehen sie mit dem Druck um? Für eine Serie hat heimatsport.de mit regionalen Absolventen von Fußball-Internaten gesprochen. Teil eins: Lukas Mühl (21), Bundesliga-Stammspieler beim 1. FC Nürnberg.

Heute bringen ihn 15000 Zuschauer nicht mehr aus der Ruhe. Lukas Mühl, 21, hat in der Allianz Arena gespielt, im Dortmunder Westfalenstadion. "Wenn ich heute in Paderborn spielen würde, würde ich wahrscheinlich denken: Naja, das ist jetzt nicht die ganz große Kulisse. Aber damals war ich extrem aufgeregt." Damals, das ist noch gar nicht so lange her. Ende Mai 2016, letzter Spieltag der Zweitliga-Saison. Der 1. FC Nürnberg steht sicher auf dem Aufstiegsrelegationsplatz, der SC Paderborn ist bereits abgestiegen. Also lässt der damalige Club-Trainer René Weiler ein paar Neue ran. Darunter: der 19-jährige Bayerwäldler Mühl. Es ist sein erster Einsatz bei den Profis und das zwischenzeitliche Ziel eines langen, harten Weges.

Seit sechseinhalb Jahren wohnt Mühl inzwischen in Nürnberg. Mit 14 wechselt er vom TSV Regen in die Jugend der Franken. Er ist damals noch ein Kind. "Die ersten Wochen waren schon hart", erzählt er heute, immer noch auf Niederbairisch. "Ich hatte schon oft Heimweh." Es gibt Spieler, die brechen deswegen ihre Zelte in den Nachwuchsleistungzentren des Landes wieder ab. Mühl bleibt. Auch weil er kaum Zeit hat, darüber nachzudenken: "Der Tag war streng durchgetaktet, um sieben Uhr aufstehen, bis um halb vier Schule, danach kurz eine Kleinigkeit essen und weiter auf den Trainingsplatz."

Nach Hause kommt er nur noch selten. Während seine Freunde in Regen ihre Jugend genießen, weggehen, tut Lukas alles für seinen großen Traum – und wird selbstständig. "Du reifst in deiner Persönlichkeit, wenn du große Teile deines Lebens selbst regeln musst." Er findet nicht, sagt er heute, dass er seine Jugend für den Fußball geopfert habe. Am Ende haben sich die Mühen ja auch gelohnt.

"Es gab immer größere Talente als mich"

Mühl ist Stammspieler bei einem Bundesligisten, hat in dieser Saison noch keine Minute verpasst. Anfang November macht er sein erstes Tor, den späten 2:2-Ausgleich gegen Augsburg. Sein Trainer bei der U20-Nationalmannschaft Frank Kramer lobte ihn im Sommer: "Lukas hat viel Potenzial, ist ein richtig guter Typ, lernwillig und lernfähig." Und genau da liege der Grund für seinen Erfolg, meint auch Mühl selbst.

"In der Jugend gab es immer größere Talente als mich. Ich bin zwar nicht hinten abgefallen, war aber auch nicht ganz vorne dabei" erzählt er. "Die Leute haben immer gesagt: Das mit dem Lukas, das passt schon. Aber ob er es in den Profifußball schafft, da schauen wir mal."

Für Mühl war das zusätzlicher Ansporn. Nachdem er die Mittlere Reife in der Tasche hat, entscheidet er gemeinsam mit seinen Eltern – sein Vater Hans war lange Trainer beim TSV Regen und bei der Spvgg Ruhmannsfelden – alles auf eine Karte zu setzen. Kein Abitur, keine Ausbildung. Nur Fußball. "Wir waren dann immer fünf, sechs Leute, die schon in der Früh vor dem Mannschaftstraining individuell gearbeitet haben", erinnert sich der Bayerwäldler. Das zahlt sich aus.

Mühl wird Kapitän der U17, später der U19. Der Knoten platzt in der Saison 2015/2016, in seinem letzten Jahr als A-Jugendlicher. Er spielt häufig bei der zweiten Mannschaft in der Regionalliga, fährt mit der ersten ins Wintertrainingslager nach Belek. "Das war mein bestes Jahr", sagt Mühl heute. Gab es einen Moment, in dem ihm bewusst wurde, dass sein Traum vom Profifußball in Erfüllung gehen könnte? "Nein", sagt 1,88-Meter-Mann. "Es war eine kontinuierliche Entwicklung. Ich habe hart an mir gearbeitet."

Während einige seiner einst hochgelobten Mitspieler in der Landes- oder Bayernliga spielen, hat Mühl in den vergangenen Wochen gegen Robert Lewandowski, Paco Alcácer und Timo Werner verteidigt. "Es war wichtig, dass zu mir nie jemand gesagt hat: Du wirst sicher einmal Profi. Es gibt so viele Spieler, denen eine große Karriere prophezeit wurde, und die jetzt in einer Amateurliga spielen." Es ist die Bescheidenheit, die Lukas Mühl groß gemacht hat. Auch weil sein Umfeld ihn auf dem Boden hält: "Das Elternhaus spielt da eine große Rolle."

Mühl, ein sehr heimatverbundener Mensch, fühlt sich inzwischen sehr wohl in Franken, hat im Sommer seinen Vertrag bis 2021 verlängert. In der Jugend sei er aber schon oft ins Grübeln bekommen. "Was ist, wenn es nicht klappt? Ziehe ich dann wieder heim? Was mache ich statt Fußballspielen?" Gedanken, die ihn zeitweise blockierten. Auch weil ihm im Internat ein Ansprechpartner fehlte. "In der U17 hatten wir dann einen Mentaltrainer, der hat mir sehr geholfen. Da habe ich auch gemerkt, dass nur Talent nie ausreicht. In der Birne muss es passen."

"Wenn es einmal nicht läuft, bist du ganz schnell weg"

Dazu gehört auch das Wissen, dass es ein Leben nach dem Fußball gibt – und dass das schneller kommen kann, als einem lieb ist. "Du kannst in seiner Saison super spielen", sagt Mühl, "aber wenn es dann einmal nicht läuft, bist du ganz schnell weg und am nächsten Tag interessiert sich keiner mehr für dich."

Das gilt für Jugendfußballer noch viel stärker, zumal die Quote derer, die es am Ende in den bezahlten Fußball schaffen, gering ist. Doch bei vielen verneble der Traum den Blick für die Realität: "Uns haben sie immer gesagt: Aus einem Jahrgang schaffen es vielleicht zwei. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass das jedem so bewusst war." Für Mühl ist es auch Aufgabe des Vereins, den Jugendspielern einen Plan B aufzuzeigen und ihnen bewusst zu machen, dass es auch außerhalb der Fußball-Blase ein Leben gebe. Da müssten Clubs mehr tun, findet er. "Du solltest nie vergessen, wo du herkommst und bescheiden bleiben", sagt der Regener. "Gefallen darfst du dir aber auch nichts lassen – aber da sind wir Niederbayern ja eh nicht gefährdet."

Lesen Sie in Teil der zwei der Serie: Christian Früchtl, der Pendler zwischen den Welten. Der 18-jährige Bischofsmaiser ist Stammtorhüter in der Regionalliga-Mannschaft des FC Bayern, sitzt regelmäßig auf der Bank des Rekordmeisters – und wird als Nachfolger von Manuel Neuer gehandelt.




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